Charles L. McGehee

DEMOKRATISCHES BILDUNGSSYSTEM GLEICH DEMOKRATISCHE BILDUNG? ZU EINIGEN WIDERSPRÜCHEN DES AMERIKANISCHEN ERZIEHUNGSWESENS



Der Besucher, der sich ein Urteil über den Bildungsstand derAngloamerikaner bilden will, muß das Problem von zwei verschiedenen Seiten aus angehen. Betrachtet er nur die wirklich Gebildeten, wird er erstaunt sein, wie wenige er finden wird; will er aber umgekehrt die völlig Ungebildeten zum Kriterium machen, werden die Amerikaner ihm als das aufgeklärteste Volk auf Erden erscheinen. Praktisch die gesamte Bevölkerung ist zwischen den beiden Extremen angesiedelt...

Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika (1835)

Das amerikanische Bildungssystem ist häufig, im Gegensatz zu dem für Europa charakteristischen Förderungssystem, als Wettbewerbssystem bezeichnet worden (siehe hierzu einschlägig Turner, 1960). Im Förderungssystem binden sich Personen an andere Personen: Meister, Professoren, Arbeitgeber etc., und die zukünftige Entwicklung des einzelnen geht aus dem Verhältnis mit dem Förderer hervor. In einem Wettbewerbssystem suchen die einzelen ihr Fortkommen, indem sie sich an den bestehenden Verhältnissen orientieren. Ihre Zukunft entwickelt sich also aus dem Zusammenspiel von persönlichen Fähigkeiten, Intellekt, usw. und den Mächten des Schicksals, sprich: des Marktes. In dem Maße, in dem die USA als Ganzes ein Wettbewerbssystem verkörpert, muß auch ihr Bildungssystem als ein 'Wettbewerbssystem" gesehen werden.

Zu Beginn der Kolonialzeit brachten die ersten Einwanderer aus Europa Elemente des europäischen Feudalsystems mit in das neue Land und etablierten ihre lokalen Versionen eines Landadels und eines erblichen Klassensystems. Das war weitgehend noch ein Förderungssystem. Während der ersten 150 Jahre der weißen Besiedlung Amerikas waren die Schulen aristokratisch orientiert und dienten den Interessen einer mehr oder weniger "geschlossenen" Geburtselite; zur Vorbereitung auf ein Leben unter prirnitiven Bedingungen waren sie aber nur wenig geeignet. Zudem waren viele an religiöse Glaubensgemeinschaften gebunden. Doch kurz vor dem Unabhängigkeitskrieg (1776) begannen unter sich verändernden Verhältnissen neue Ideen an Einfluß zu gewinnen, die die Entwicklung des Bildungssystems in Amerika entscheidend modiSzieren sollten: vor allem die Rezeption des neuen wissenschaftlichen Weltbildes brachte neue Vorstellungen vom Wesen des Menschen mit sich, Zweifel an der absoluten Autorität der althergebrachten Hierarchie lösten die überkommene Haltung der deference ab. Zu dieser Zeit wurde das Prinzip der örtlichen Schulaufsicht, ein Grundsatz des amerikanischen Bildungssystems, eingeführt. Obwohl vom Staat gegründet, waren koloniale Schulen eng an Religionsgemeinschaften gebunden und wurden von örtlichen Honoratiorenausschüssen kontrolliert. Aus diesen Honoratiorenausschüssen wurden später die boards of education (Schulaufsichtsräte). Das Prinzip der örtlichen Kontrolle ergab sich zum einen aus der geographischen Weite des Landes, zum anderen aus dem Wunsch der Eltern, die Kontrolle über das, was ihre Kinder in der Schule lernten, zu behalten.

Die Revolution und die daran anschließende "Säuberung" der befreiten Kolonien von Loyalisten bereitete das Umfeld für das Entstehen eines neuen Schulsystems, das auf den Prinzipien der Kostenfreiheit (kein Schulgeld), Öffentlichkeit (Gleichberechtigung), Religionsfreiheit (frei von religiöser Bevormundung durch den Staat) und Allgemeinheit (Schulpflicht) gründete. Diese Prinzipien, nämlich Kostenfreiheit, Zugang für alle, Stellung der Religion und allgemeine Schulpflicht bestimmen bis heute die Dynamik des amerikanischen Bildungssystems. Bis zum heutigen Tag sind sie so umstritten wie vor zweihundert Jahren. [1}

Die Ursprünge des amerikanischen Bildungswesens bis zur Krise

Während der ersten Phase der Besiedlung des Westens gab es keine Regierungsgewalt und schon gar keine Schulen. Unmittelbare Überlebensinteressen bestimmten das tägliche Leben. Die Bildung der Kinder besorgten im allgemeinen die Eltern zu Hause. Daraus ergaben sich bedeutsame Implikationen:

1) Die Kinder wurden mehr als in Europa praktisch als Privateigentum der Eltern angesehen; und 2) war es selbstverständlich, daß die Kinder viel direkter nach den Vorstellungen und Weltbildern der Eltern und ihrer lokalen Gemeinden unterwiesen wurden, als wenn Vertreter einer überregionalen Autorität oder einer national organisierten Geistlichkeit sie unterrichtet hätten.

Mit der Konsolidierung der Lebensbedingungen und dem Wachsen der Gemeinden ergab es sich irgendwann, daß die Honoratioren zusammentraten und beschlossen, eine Schule einzurichten. Vermutlich waren sie sich ihrer eigenen begrenzten Möglichkeiten, was ihre Zeit und ihre Befähigung zur Kindererziehung betraf, bewußt. Darüber hinaus mußte früher oder später in einem Land, das nicht durch die Grenzen des zuerteilten Feudalstatus, sondern durch die prinzipiell unbegrenzte Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs charakterisiert war, sozialer Aufstieg zur Funktion der Bildung werden. Mit der Verschärfung des Wettbewerbs um die verfügbaren Ressourcen wurde deutlich, daß derjenige, der lesen, schreiben und rechnen konnte, in einer besseren Ausgangsposition für den Wettbewerb um höhere geseüschaftliche Positionen war.

Also setzte man eine Anzeige in die Zeitung in Boston oder irgendwo anders im Osten, in der man ein "Fräulein Lehrerin" suchte (um hier die sterotype, wenngleich nicht ganz unrichtige, in alten Western-Filmen gebrauchte Terrninologie zu verwenden). Natürlich kennen wir alle die Szene, in der die kleine Dame mit iEren großen Hutschachteln und dem Rest ihres Gepäcks aus dem Zug steigt, begrüßt von den Honoratioren des Ortes. Sie genoß erhebliches Ansehen, doch wurde sie nicht etwa angestellt, um den örtlichen Kindern in eigener Verantwortung das nationale Erbe und den entsprechenden Wissensstandard nahezubringen. Sie wurde in loco parentis angestellt d.h. als Steüvertreterin der Eltern. Man ging davon aus, daß sie lesen und schreiben konnte und sich in Geographie und Geschichte auskannte. Doch die Hauptsorge der Eltern galt ihren Moralvorstellungen (besonders in Bezug auf das Sexualverhalten) und ihrer Herkunft: man wollte sicher sein, daß sie den Kindern die gleichen Werte wie die, an denen die Eltern sich orientierten, vermitteln würde.

Eine Siedlergemeinde sah in der Regel die Schule als eine Erweiterung der Familie - nicht etwa der Kirche oder des Staates - und die Siedler wachten eifersüchtig über ihre Schulen, die sie als Hauptinstrument für die Einübung in die ortsübliche Lebensweise betrachteten, buchstäblich als verlängerten Arm ihrer selbst.

Diese Verhältnisse galten natürlich nur für einen gewissen Zeitraum. Auf jene Europäer, die etwa im Verlauf des späten 19. Jahrhunderts als Arbeitskräfte für die Industrie ins Land kamen und sich damit in einem bereits bestehenden System niederließen, trafen sie nicht mehr zu. Überhaupt niemals galten sie für die Schwarzen, die als Sklaven ins Land verschleppt wurden, oder für die Asiaten und andere "farbige" Minderheiten, die als billige Arbeitskräfte ins Land geholt wurden. Und es traf sicherlich nicht auf die amerikanischen Ureinwohner, die Indianer zu, die völlig aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden, wenn sie nicht vorher schon umgebracht worden waren.

Amerika als Land ohne Not und Unterdrückung ist immer auch ein europäuscher Traum gewesen. Doch birgt der Traum von einem Zufluchtsort vor Elend und Unterdrückung, die Vorstellung eines Landes von unbegrenzter geographischer Weite, beruflichen Möglichkeiten und persönlicher Freiheit mit Notwendigkeit gewisse Widersprüche, ganz besonders, wenn Millionen den gleichen Traum träumen.

Zuerst einrnal war das Land, trotz seiner enormen Größe, begrenzt. Da nicht ausreichend Land und genügende Möglichkeiten für alle vorhanden waren bzw. große Teile des Landes von Großeigentümern in Privatbesitz genommen worden waren, mußten früher oder später Konflikte zwischen diesen Eigentümern und den später Angekommenen entstehen. Es ergaben sich zwangsläufig Konflikte zwischen denjenigen, die die Kontrolle über die in Beschlag genomrnenen Ressourcen ausübten, und Neuankömmlingen, die diese Ressourcen zum Uberleben beanspruchten. Weitere Konflikte mußten notgedrungen entstehen zwischen denen, die freiwillig im Land waren und jenen, die unfreiwillig da waren bzw. als Arbeitskräfte oder Sklaven dorthin gebracht worden waren.

Diese Widersprüche machten sich erstmalig bemerkbar im zweiten Viertel des letzten Jahrhunderts, als die Einwanderung zunahm und die Prozesse der Industrialisierung und Urbanisierung einsetzten. Die in der Auflösung der vorindustriellen Familie und der traditioneüen Lebensweise sich andeutenden sozialen Veränderungen führten u.a. zurn Wiederaufleben emotionaler religiöser Bewegungen. Ihre Parole war die moralische und spiritueüe Erneuerung der Geseüschaft; verstanden als individuelle Selbstveränderung des Menschen aufgrund seiner Wiederbesinnung auf die Prinzipien eines ewigen Wertesystems. Seitdem sind emotionale religiöse Bewegungen, die soziale Veränderung durch individueüe spiritueüe Verjüngung und durch die Besinnung auf traditioneüe Werte propagierten, als Reaktion auf soziale Krisen immer wieder periodisch in der amerikanischen Geschichte aufgetreten.

Die mit dem Bürgerkrieg (1861-1865) sich ausdrückende Zuspitzung der Widersprüche in der sich nun rapide entwickelnden Geseüschaft führte nicht nur zur Befreiung der Sklaven, sondern stärkte vor aüem die Position des industrieüen Kapitals im Norden und löste eine massive Völkerwanderung aus den landwirtschaftlichen Gegenden des Südens in den sich industrialisierenden Norden aus. Der Industrialisierungsprozeß induzierte eine große Einwanderungswelle aus den ärmeren Gegenden Ost- und Südeuropas. Wissenschaft und Technik entwickelten sich in einem solchen Maße, daß zwn ersten Mal in der Geschichte Lösungen für die grundlegenden Probleme der Menschheit nur eine Frage der Zeit zu sein schienen.

Doch jede technische Lösung eines Problems erzeugte bald eine Fülle neuer Probleme geseüschaftlicher Art: Anony~utät, Geldgier, Slums, Verbrechen und Dekadenz. Vornehrnlich unter den alteingesessenen, englischstämmigen Weißen kam das Gefühl auf, daß man "die Kontrolle verliere" - die Kontrolle über das eigene Schicksal, die Familie, die Gemeinschaft und die Nation.

Was die befreiten schwarzen Sklaven anging, so waren die meisten Weissen der Ansicht, daß die Sklaverei mit der Emancipation Proclamation ein Ende genommen hatte. Die Schwarzen wollten ihre Freiheit: nun war es an ihnen selbst, ihr Los zu verbessern. Was das jedoch betraf, so hatte die Abschaffung der Sklaverei lediglich ihren Status von einem Eigentumsobjekt in ein Mietobjekt verändert. Darüber hinaus gab es für sie praktisch keine Möglichkeit, etwa durch den Erwerb von Schulbildung ihre Lebenschancen zu verbessern, da die schwarzen Schulen, falls es überhaupt welche gab, sehr schlecht waren. Zudem waren sie von denjenigen geschaffen worden, die kein Interesse an einer guten Schulbildung für Schwarze hatten, nämlich von den Weißen. Als Reiche hätten sie den Verlust billiger Arbeitskräfte riskiert, als Arme fürchteten sie die Konkurrenz besser ausgebildeter Schwarzer auf dem Arbeitsmarkt.

Das Prinzip der systematischen Ausschließung der Schwarzen von öffentlichen Einrichtungen wurde systematisch durchgesetzt. Nach dem Gesetz wurde den Schwarzen der Zugang zu allem, von der Wartehalle bis zum Zoologischen Garten, verwehrt. Dies war solange nicht verfassungswidrig, wie den Schwarzen eigene Einrichtungen zur Verfügung gestellt wurden: Unter der Formel separate but equal ("getrennt, aber gleich") wurde vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten 1896 diese Praxis für rechtmäßig erklärt; dies bedeutete, daß Bildung über ein absolutes Minimum hinaus für Schwarze nur in ganz wenigen Ausnahmefällen möglich wurde.

Die Erschütterungen des Modernisierungsprozesses

Das Zeitalter der Zentralisierung und Monopolisierung des Kapitals von 1870 bis 1920 war für einen Großteil der amerikanischen Gesellschaft besonders traumatisch. Unter dem Einfluß der extensiven Industrialisierung wurde die althergebrachte Lebensweise weiter umgewälzt; dies traf besonders die Familie, das Zentrum des traditionellen amerikanischen Wertekodex. Die Angste, die durch diese Veränderungen hervorgerufen wurden, äußerten sich bezeichnenderweise in verschiedenen Initiativen zu Gesetzesänderungen, die die private Lebensführung betrafen: Nicht nw die Abtreibung wurde in dieser Zeit unter Strafe gestellt, sondern auch die Empfängnisverhütung, die Homosexualität, die Anpreisung und der Verkauf von Mitteln zur angeblichen Wiedererlangung verlorener Männlichkeit, die Werbung für Eheberatungen usw. Vor allem der "Stamm" der Amerikaner angelsächsischer Herkunft sorgte sich, daß ihnen durch die "Vermassung" und "Überfremdung" Amerikas die Kontrolle über die eigenen Kinder, vor allem auf dem Gebiet des Sexualverhaltens, entrissen würde.

Andere subjektive Reaktionen auf die gesellschaftliche Krise waren ein wiederkehrendes Interesse an religiösen Erweckungsbewegungen, insbesondere - etwa um die Jahrhundertwende - am protestantischen Fundamentalismus. In einer sich schnell verändernden Welt suchten die Fundamentalisten Beständigkeit in den unwandelbaren Grundsätzen der Bibel und den traditionellen Familienstrukturen und Werten. [2] Bei der Suche nach Schuldigen für die beunruhigenden Veränderungen wurden häuf~g die Wissenschaften und die rationalistische Philosophie als Urheber herausgestellt, vor allem aber jene Richtungen der naturwissenschaftlichen Forschung, die sich mit der Frage nach dem Ursprung und der Entwicklung des Lebens auf der Erde befaßten.

Am bedrohlichsten unter ihnen war das Werk von Charles Darwin. Und ganz besondere Betroffenheit lösten die Implikationen der Evolutionstheorie Darwins für die Lehrpläne der Schulen aus: Was sollte man die Kinder über die menschliche Natur und die Beziehung des Menschen zum übrigen Leben auf der Erde lehren?

Während die vulgäre Seite der Diskussion sich mit der Vorstellung herumschlug, ob der Mensch nun vom Affen abstamrne oder nicht, lag die tieferliegende Bedeutung des Problems darin, ob es angenommen werden dürfe, daß der Mensch als zufällige Folge von unpersönlichen und mechanistischen Naturkräften statt durch einen gewollten Akt eines höheren Wesens seine Existenz erlangt habe. Diese Frage war keineswegs trivial, da man glaubte, daß die Fragen von Recht und Unrecht, Gut und Böse und nach dem Sinn des Lebens durch die Vorstellung einer Evolution irrelevant würden. In einer zufälligen Welt ohne Sinn und Zweck hätten überzeugte Werthaltungen und die Berufung auf ein allgemeines Sittengesetz keine Bedeutung mehr.

Die Kontroverse wurde unter lebhafter Anteilnahme der Nation im Jahre 1925 vor dem District Court in Dayton, Tennessee, ausgetragen. Dort wurde der Biologielehrer John Scopes angeklagt, ein Staatsgesetz, das das Lehren der Evolutionstheorie verbot, verletzt zu haben. Der darauf folgende Prozeß konfrontierte zwei der berühmtesten Anwälte des Landes - den früheren Präsidentschaftskandidaten William Jennings Bryan und Clarence Darrow - in einem Verfahren, in dem zwar die offensichtliche Beschränktheit der Creationists von Darrow bloßgestellt wurde, in dem es aber im Grunde um das Recht der Eltern ging, ihren Kinder die eigene Weltanschauung vermitteln zu lassen, selbst wenn dieser von den Wissenschaften widersprochen wurde.

Wenngleich Scopes den Prozeß verlor, war dies doch ein Pyrrhus-Sieg für die Kreationisten, da Darrow in seinen Kreuzverhören seinen Widersacher Bryan und die biblische Schöpfungsgeschichte öffentlich der Lächerlichkeit ausgesetzt hatte; und nach und nach wurden die Staatsgesetze abgeschaffl, die das Lehren der Evolutionstheorie verboten. Die wissenschaftliche Evolutionstheorie wurde schließlich die einzige Darstellung des Ursprunges der Menschen, die in öffentlichen Schulen gelehrt wurde. Aber, obwohl die Kontroverse gerichtlich beendet worden war, war sie nicht ausgestanden. Der wirtschaftliche Aufschwung der 20er Jahre, die große Depression der 30er Jahre und der Zweite Weltkrieg in den 40er Jahren ließen sie nur für eine Weile in den Hintergrund treten.

Interessanterweise nahm der Darwinismus jedoch noch in einer anderen Fassung Einfluß auf die Schulen. Und diese fand durchaus die Zustimmung der Schulaufsichtsbehörden und vieler fundamentalistischer Eltern. Es handelte sich um die Philosophie des "Sozialdarwinismus", wie sie von dem englischen Soziologen Herbert Spencer propagiert und in den USA vornehmlich von führenden Industriellen, wie z.B. Andrew Carnegie, übernommen wurde. Die weltanschaulichen Prinzipien des Sozialdarwinismus eigneten sich sehr gut für die ideologische Rechtfertigung der Konzentrations- und Zentralisationsprozesse, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die Ökonomie der USA bestimmten, indem sie den wirtschaftlichen Erfolg der sogenannten Räuberbarone auf das Wirken des Naturprinzips der "natürlichen Auslese" zurückführten. In der Tat wurde in der Zeit unmittelbar vor der Jahrhundertwende der Sozialdarwinismus zu einer weitverbreiteten Rechtfertigungsphilosophie. Sie vermochte nicht nur die alltägliche Erfahrung zunehmender ökonomischer Machtkonzentration zu erklären und zu rechtfertigen, sie stimmte im großen und ganzen mit den Werten der calvinistischen Arbeitsethik überein.

In jener Zeit erlangte auch der Sport, besonders der American Football, ein besonders aggressiver Mannschaftssport, im amerikanischen Bildungssystem einen übergreifenden und wichtigen Stellenwert. Wenn es richtig ist, daß das amerikanische System ideologisch auf dem Prinzip des "Wettbewerbs" beruht, dann wurde das Football-Spiel zur symbolischen Darstellung dieses Wettbewerbsprinzips: Die Football-Arena wie das Feld der Wirtschaft wurden zu einer Art moderner Schlachtfelder der Gladiatoren, die der Reichweite und dem Einfluß der gewöhnlichen Bürger enthoben waren.

Sich dem Wettbewerb auf dem Spielfeld zu stellen, hatte auch eine praktische Bedeutung. Es wurde damals - und ist auch heute noch - als Mittel zur Herausbildung von Charakter und Führungsqualitäten angesehen. Gute Sportler sind häufig die angesehensten Mitschüler und nicht selten auch die Wortführer in den Schulen, und der Erfolg im Sport wird von den künftigen Arbeitgebern aus der business community als besonderes Qualitätsmerkmal geschätzt. [5]

Nachdem dem Sport einmal diese Rolle zuerteilt worden war, wurde er dadurch, daß er eng mit dem sogenannten Old Boys System verbunden wurde, zu einem Phänomen besonderer Art: er entwickelte sich zu einem Eintrittsfeld in jene Netzwerke von informellen Kontakten, durch die junge Leute in die höheren Ränge des Arbeitslebens gehievt wurden. Im Zuge zunehmender Rassenintegration wurde jedoch die Funktion des Schul- und Universitätssports als Eintrittskarte in das karrierefördernde Old Boys-Network erheblich relativiert. Denn viele Spitzensportler sind heute schwarz. Sie aber werden keineswegs ihrer sportlichen Leistungen wegen automatisch in die Reihen der Old Boys aufgenommen werden. Im Gegenteil, der Erfolg eines schwarzen Sportlers wird vielfach als Beweis dafür angesehen, daß er es anderenfalls in der Schule nicht geschafft hätte. Denn bis heute wird ein erfolgreicher schwarzer Sportler in erster Linie als "Naturtalent" angesehen, während sein weißes Gegenstück seinen Erfolg in der Regel darüber hinaus stets noch seiner "Übersicht" und seiner "fleißigen Trainingsarbeit" verdankt.

Erziehung als Beruf in Amerika: Die Schulen

Mit den ersten Gesetzen zur öffentlichen Bildung, die in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts verabschiedet worden waren, wurden die Kinder der Armen und der nicht-so-Armen Bildungseinrichtungen unterstellt, die sich an örtlichen Produktions- und Handelsbedürfnissen orientierten und für entsprechend nachgefragte Berufe und Fertigkeiten ausbilden sollten.

Da diese Lehrer ihre nicht immer ganz willigen Schüler unter der Aufsicht autokratischer Schulaufsichtsbehörden - die zudem von örtlichen Geschäftsinteressen beherrscht wurden - und nach eng umrissenen Lehrplänen unterrichten mußten, wurden sie selbst zu Quasi-Fabrikarbeitern, die ähnlichen Arbeitsbedingungen unterlagen wie alle anderen, die in der industriellen Produktion in Lohn und Brot standen: nämlich niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten bei schwerer Arbeitsbelastung, keinerlei Autonomie am Arbeitsplatz und so gut wie keine soziale Sicherheit. Dennoch sahen sich die Lehrer selbst eher als Angehörige eines "höheren" Berufsstandes. Als dann aber zunächst die Facharbeiter damit begannen, sich in zunftähnlichen Gewerkschaften zu organisieren, regte sich auch bei den Lehrern das Bedürfnis nach Organisierung.

Da die allgemeine Bildung ein neues Phänomen war, fehlten den Lehrern systematische Unterweisungsnormen und Bewertungen, und um 1835 fingen sie damit an, sich in berufsständischen Interessengruppen zu organisieren, um ihre gemeinsamen Interessen als Lehrer zu artikulieren. In einzelnen Staaten bildeten sie Vereinigungen der "praktischen Lehrer", gaben eigene Zeitschriften heraus, hielten lokale und regionale Versammlungen ab und richteten "mobile Schulen" ein: Schulen auf Rädern, mit denen sie auch in abgelegenen Gebieten periodisch Kinder gegen Bezahlung mit Schulbildung versorgen konnten.

1857 gab es 23 derartiger Organisationen. Während die Hauptziele eindeutig auf berufsorganisatorische Dinge gerichtet waren, kümmerten sich diese Organisationen aber auch ansatzweise um die Höhe der Lehrergehälter. Wichtiger war jedoch zu jener Zeit der Kampf um das Recht der Berufseignungsbeurteilung, d.h. man wollte die Praxis der Beurteilung durch Aussenseiter (Laien-Verwaltungsleute), die sich häufig durch fachfremde Kriterien leiten ließen, durch das Prinzip der standesorganisatorischen Selbstbeurteilung ersetzt haben.

Die Zeit nach dem Bürgerkrieg war eine Periode der nationalen Vereinheitlichung und Expansion auf allen Gebieten; auch die Organisation der Lehrer war davon nicht ausgenommen. Bis zum Jahre 1870 hatten sich mehrere kleine Gruppen in der National Education Association (NEA) zusammengeschlossen. In ihr waren nicht nur Lehrer, sondern auch lokale Schulaufsichtsbeamte organisiert. Diese frühe Allianz mit den Aufsichtsbehörden wurde aus fachlich-inhaltlichen Motiven geschlossen, sollte sich aber in den kommenden Jahren für die Lehrer als zweischneidiges Schwert erweisen: sie erweckte den Eindruck, daß die NEA das berufsständische Äquivalent einer industriellen company union sei.

Die gesellschaftliche Situation der Lehrer war ebenso abhängig von den wirtschaftlichen Verhältnissen und der Konjunkturlage wie die der Industriearbeiter. Entsprechend hatten die Lehrer an öffentlichen Schulen nur einen dürftigen Status. Die begrenzten finanziellen Mittel der Schulaufsichtsbehörden zusammen mit dem ständigen Druck der lokalen Geschäftsinteressen, die in diesen Schulaufsichtsbehörden in aller Regel das Wort führten, trugen immer wieder zur Entmutigung der Lehrer bei. Ihre Allianz mit den Aufsichtsbehörden und ihre berufsständische Orientierung ließ außer der Diskussion von Bildungstheorien und -methoden nur wenig Spielraum für eigentliche gewerkschaftliche Arbeit.

Es war diese Vernachlässigung der materiellen Interessen der Lehrer durch die NEA, die schließlich zur Gründung der ersten unabhängigen Lehrergewerkschaft führte (Chicago 1897). Dennoch blieben die einzelnen örtlichen Gewerkschaften gegenüber den Schulaufsichtsbehörden und den jeweiligen lokalen Interessen machtlos. Bis zum Jahre 1916 hatten sich in zehn Staaten zwanzig Gruppen auf nationaler Ebene zur heutigenAmerican Federation of Teachers (AFT) zusammengeschlossen, eine Organisation, die sich eher am Organisationsverständnis einer Industriegewerkschaft als an dem einer mit bildungsphilosophischen Fragen beschäftigten Standesvereinigung orientierte.[6]

Erziehung als Beruf in Amerika: Die Universitaten

Die amerikanischen Universitäten orientierten sich zunächst an den Vorbildern Oxford und Cambridge und später an dem der deutschen Universitäten. Sie unterschieden sich jedoch von den europäischen Universitäten dadurch, daß ihre Legitimation und iEr finanzieller Rückhalt nicht in der königlichen bzw. staatlichen Schirmherrschaft lag, sondern in der religiösen Vereinigung, von der sie jeweils gegründet worden waren.7 Ursprünglich wurde das Bedürfnis nach höherer Bildung in den Kolonien ausschließlich von kirchlichen Interessen artikuliert und von kirchlichen Institutionen organisiert. Die Tatsache jedoch, daß es keine einzelne dominierende und vereinigende Religion gab, führte zu einer Vielfalt von Institutionen, die an den engen Leitlinien ihrer religiösen "Mittlerorganisationen" ausgerichtet waren. Laienaufsichtsräte verwalteten die Schulen streng gemäß den Glaubensinhalten und Interessen ihrer Religionsgemeinschaft, und Fakultätsangehörige, denen dies nicht gefiel, mußten sich anderswo eine Stelle suchen.

Ganz allgemein war die höhere Bildung in den Vereinigten Staaten im frühen 19. Jahrhundert eine trostlose Angelegenheit, die gekennzeichnet war durch eine Vielzahl von unterbesetzten und schlecht finanzierten kleinen Colleges. Das verbindliche Prinzip, daß die Mitglieder des Aufsichtsrates von außerhalb zu kommen hatten, bedeutete, daß sie die alltäglichen Dinge der Institutionen, die sie offiziell verwalten sollten, nicht kennen konnten. Diese strukturelle Schwäche der Aufsichtsräte machte die Position des Universitätspräsidenten umso stärker. Er wurde, mit den Worten von Hofstadter und Metzger, "zugleich das dynamische Autoritätszentrum der Hochschule, ihr Symbol und ihr Sprecher. Er hatte ein Amt inne, und in gewissem Sinne schuf er ein Amt, für das es kein Äquivalent in der höheren Bildung außerhalb der Vereinigten Staaten gibt. Das Prestige und der Stolz einer Stätte höherer Bildung, die in Europa von den Fakultäten verkörpert wurden, wurden in den USA vom Präsidenten repräsentiert. So ist es, mit leichten Modifizierungen, bis heute." (Hofstadter/Metzger, 1955: 124-125)

Die Professoren an amerikanischen Universitäten sind in erster Linie Lehrer. Dafür, nicht für etwaige Forschung werden sie bezahlt. Daß sie überhaupt eine gewisse Stellung an ihren Hochschulen einnehmen konnten, rührt historisch daher, daß sie als ständiges Aufsichtspersonal für die häufig über die Stränge schlagenden Studenten gebraucht wurden. Dadurch mußten die Professoren in den täglichen Betrieb der Hochschulen integriert werden. Als Konsequenz bestanden immer mehr Professoren auf einer angemessenen Beteiligung an allen bedeutenden Entscheidungen der Hochschulpolitik und des betrieblichen Ablaufes, wie zum Beispiel die Einstellung von Kollegen, die Lehrplangestaltung und die Zulassungsverfahren.

Die chronische Finanzschwäche der amerikanischen Hochschulen ließ es bald notwendig werden, sich nach neuen Geldmitteln umzusehen. Bis heute ist eine wesentliche Einnahmequelle aller amerikanischen Universitäten die Spendenfreudigkeit wohlhabender "Ehemaliger" (alumni), die regelmäßig aus Nostalgie oder Dankbarkeit ihre jeweilige Alma mater mit großen Summen bedenken. Dadurch wurde auch bei kirchlichen Privatuniversitäten der kirchliche Einfluß zugunsten säkularer Interessen zurückgedrängt. Mit dem Rückgang des kirchlichen Einflusses wurden die Positionen des Präsidenten bald immer häufiger mit ehemaligen Berufspolitikern, Geschäftsleuten, Rechtsanwälten, Verwaltungsleuten, ja sogar Generälen besetzt.

Während die Universitäten in der Alten Welt nicht zuletzt durch ihre finanzielle Unabhängigkeit gekennzeichnet waren, war für die amerikanischen Universitäten bis zum Bürgerkrieg das Fehlen einer wirtschaftlichen Basis ein wichtiger Faktor für ihre akademische Bedeutungslosigkeit. Es gab wenig vollakademische Fakultäten, und diese waren meistens philosophisch und theologisch; Doktorgrade wurden so gut wie keine verliehen. "Höhere" Bildung bestand in den Vereinigten Staaten in den meisten Fällen aus wenig mehr als der Verlängerung der Höheren Schule. Erst durch die direkte Intervention privater Philanthropie im späten 19. Jahrhundert und die Verabschiedung des Gesetzes von 1862 über die Land Grant Colleges (vom Bund finanziell unterstützte Colleges), mit dem gezielt eine Reihe von Forschungsuniversitäten als Zentren für die Entwicklung moderner industrieller und landwirtschaftlicher Technologie geschaffen wurden, gewann die höhere Bildung in den Vereinigten Staaten Qualität und internationale Bedeutung.

Die fortgesetzte, wenngleich abnehmende Bedeutung der Kirchen und der zunehmende Einfluß des Staates und der Wirtschaft auf akademische Angelegenheiten führte in dem Maße zu Spannungen an den Universitäten, wie die inzwischen als ständiges Lehr- und Aufsichtspersonal unverzichtbaren Professoren von ihrem Recht der Lehrfreiheit Gebrauch machten; sei es auf dem Gebiet der Evolutionstheorie, sei es bei der Diskussion sozialistischer Gesellschaftsentwürfe oder kritischer Analysen des Industrialisierungsprozesses und des unverhüllten Imperialismus um die Jahrhundertwende.

Das erste wirklich gemeinsame, alle betreffende politische Kampfziel amerikanischer Hochschullehrer war die akademische Freiheit bzw. die Lehrfreiheit: eine Lehrfreiheit, von der aüerdings angesichts der Belastung der Fakultäten durch ihre Rolle als Aufsichtspersonal für die Studenten selten ernsthaft Gebrauch gemacht werden konnte. Dennoch zwang das lang etablierte amerikanische Prinzip von Laienaufsichtsräten (boards of tnustees), die selten die politischen Meinungen aufgeklärter Intellektueller teilten, die Fakultäten permanent in die Rolle von vermeintlichen Gegnern des öffentlichen Interesses. Die starken ökonomischen Fluktuationen der sich schnell entwikkelnden Industrialisierung um die Jahrhundertwende bewirkten, verbunden mit einer allmählichen Saturierung des Marktes für Collegelehrer, daß auch die Arbeitsplatzsicherheit ein wichtiges Thema wurde. Nur allzu oft lieferten angeblich "atheistische" oder sonstige inhaltlich beanstandete Vorlesungen den Anlaß und die Rechtfertigung für die Einsparung von Arbeitsplätzen. So wurden schließlich die akademische Freiheit und die Festanstellung zu den beiden zentralen Zielen des gewerkschaftlich orientierten Kampfes der Hochschullehrer.

Als 1915 die amerikanische Vereinigung von Universitätsprofessoren (AAUP) gegründet wurde, war ihr explizites Organisationsziel die Verteidigung ihrer Mitglieder gegen willkürliche und launische Maßnahmen der Laienaufsichtsräte und Universitätsverwaltungen; vor allem gegen solche, die gegen die Arbeitsplatzsicherheit gerichtet waren und solche, die die Freiheit eines Professors, das w lehren, was er nach seinem fachmännischen Urteil für richtig hielt, einschränkten. Die Fragen der akademischen Freiheit und der Festanstellung wurden miteinander verbunden und die AAUP arbeitete darauf hin, halbwegs objektivierbare Kriterien für akademische Beurteilung w entwickeln, so daß die Entscheidung über die schließliche Festanstellung eines jungen Professors der persönlichen Willkür der Universitätsadministration bzw. den politischen Motiven der Laienaufsichtsräte entzogen wurde. Dieser Kampf um die Objektivierung von Leistungskriterien für das Lehrpersonal war kongruent mit dem Bemühen der Universitätsadministrationen, ihre Betriebe immer stärker w effektivieren und sie in so etwas wie durchrationalisierte Lehrfabriken zu verwandeln. Mit anderen Worten: die zunehmende Autonomie des lehrenden Universitätspersonals entfaltete sich vor dem Hintergrund und um den Preis einer gleichzeitigen Durchrationalisierung und Bürokratisierung der Universitäten. [8]

Vom Goldenen Kalb zum Prugelknaben der Nation: Das amerikanische Erziehungswesen nach dem 2. Weltkrieg

Der Einfluß des Zweiten Weltkriegs auf die amerikanische Gesellschaft allgemein und auf die amerikanische Bildung im besonderen kann kaum überbewertet werden. Abgesehen von den allseits bekannten Folgen für die Neuordnung der Welt und die Vorrangstellung der USA im internationalen System, hatte der Krieg auch weitreichende Konsequenzen für das tägliche Leben der Amerikaner: Es war die Mobilmachung für den zweiten Weltkrieg, nicht etwa irgendwelche wirtschaftspolitischen Programme des New Deal, die das Land aus der "Großen Krise" herausgeführt hatte. Er war, wenn man so wiU, der größte "Modernisierungsfaktor" dieses Jahrhunderts; der von ihm induzierte Produktionsschub kreierte eine Wanderungsbewegung in die städtischen BaUungszentren, deren Resultat praktisch die endgültige Urbanisierung Amerikas war. Die Frauen waren in starkem Maße von ihrer traditionellen Rolle befreit worden, nachdem sie einen großen Teil der für den militärischen Erfolg notwendigen Industriearbeit übernommen hatten. Schwarze hatten neben weißen Amerikanern unter vielfach diskriminierungsarmen (aUerdings noch nicht integrierten) Bedingungen als Soldaten gedient und hatten im Ausland größere Achtung und mehr Gleichbehandlung erfahren als zu Hause. Die Einkommen für Weiße wie für Schwarze hatten 1944 den höchsten Stand in der amerikanischen Geschichte ereicht und die Erfüllung des Traumes von einer allgemeinen Wohlstandsgesellschaft schien näher als je zuvor. Die jungen Soldaten, die im Krieg gekämpft hatten, kehrten als reife Erwachsene zurück und forderten nun mit Nachdruck einige der Vergünstigungen ihrer Altersgruppen, die ihnen wegen des Kriegsdienstes entgangen waren. Eheschließungen und Geburten, die während der Kriegsjahre zurückgegangen waren, nahmen dramatisch zu. Und obgleich das Kriegsende unmittelbar zunächst einen ökonomischen Rückgang mit sich brachte, florierte die Wirtschaft bald wieder auf der Grundlage der im Krieg entwickelten neuen Technologie, der neuen Märkte, die durch die Zerstörung der europäischen Wirtschaften und die gezielte Expansion als Resultat einer neuen internationalistischen Wirtschaftspolitik offenstanden, sowie der Reorganisation, Konsolidierung und Modernisierung der Industrieunternehmen.

Für den Bereich der Bildung brachte der Krieg eine spezifische Folge: die heimkehrenden Veteranen durften kostenlos an Colleges studieren. Das bedeutete mittelfristig eine rapide Ausweitung des Systems der höheren Bildung und eine rapide Zunahme der Collegeabsolventen.

Der rasche Anstieg der Geburtenrate nach dem Krieg, der sogenannte babyboom, verursachte einen entsprechenden Anstieg in der Zahl der Kinder, die zwischen 1950 und 1960 in die Schule kamen. Diese "Welle" ging durch das gesamte Bildungssystem und erstreckte sich dabei auf alle Stufen. Während so das System expandierte, um die anwachsende Bevölkerung mit Bildung zu versorgen, fanden viele aus der Kriegsgeneration zunehmend Beschäftigungsmöglichkeiten im Bildungsbereich.

Auch die Schwarzen, die als Veteranen zurückkehrten oder als Beschäftigte an der Heimaftront weniger Diskriminierung und einen höheren Lebensstandard erfahren hatten als je zuvor, forderten nun einen Zugang zu den Institutionen der Bildung. Die fünfziger Jahre waren durch den Kampf um die Durchsetzung rassenintegrierter Bildungsinstitutionen, von der Grundschule bis zum College, gekennzeichnet. Bilder wie die, auf denen Soldaten kleine schwarze Kinder auf Befehl von Präsident Eisenhower in die Schulen in Little Rock, Arkansas, eskortierten oder solche, auf denen der Gouverneur von Alabama einem jungen schwarzen, von Bundesmarshalls begleiteten Mädchen den Zutritt verwehrt, erregten öffentliches Aufsehen und brachten das Problem der Rassendiskriminierung ins nationale Bewußtsein.

Zur gleichen Zeit begannen sich die Lehrinhalte zu ändern. Während bis dahin die moderne behaviouristische Psychologie und die pädagogischen Theoreme des Deweyschen Pragmatismus die amerikanischen Unterrichtsmethoden weitgehend bestimmt hatten, war die neue Generation von Lehrern, die aus den Lehrercolleges nach dem Krieg hervorgingen, stärker reformorientiert und eher geneigt, die überkommenen Formen der Wissensvermittlung kritisch zu reflektieren. Besonders in Frage gestellt wurden zum Beispiel das Auswendiglernen und der Drill sowie das Lehren unter stark formalisierten und rigide durchorganisierten Bedingungen. "Kommunikationsbarrieren", wie zum Beispiel eine feste Sitzordnung, wurden abgeschafft; feste Wände und Türen wurden zugunsten offener Räume und variabler Einrichtungen beseitigt.

Das Schlüsselwort wurde fun ("Spaß"): Wenn das Lernen keinen fun brachte, dann sollte es auch nicht stattfinden. Fun bedeutete, daß man das tat, was man wollte, wann man es wollte und wo man es wollte. Es war kein fun, wenn einem gesagt wurde, was man tun sollte, wann man es tun sollte oder wo rnan es tun sollte. Fun sollte eher spontan als geplant sein; fun bedeutete aktiv und nicht passiv zu sein. Das Lernen von Namen, Daten und Orten war kein fun; das Gleiche galt für das Lernen von Satzteilen und Rechtschreibung; das Lernen von Wörtern und von Multiplikationstabellen, von Fremdsprachen und auch von Gedichten war ebenfalls kein fun: Sport, Wahlfächer zur "Selbstverwirklichung" waren mehr fun und Pflichtfächer immer weniger.

Die 50er und 60er Jahre brachten ein explosionsartiges, historisch präzedenzloses Wachsen des gesamten Bildungssektors. Mit der Gründung neuer Familien wuchs die Geburtenrate und mit der Flucht weißer, wohlhabender Familien aus den alten Wohngebieten der Innenstädte, in die nun die Schwarzen einzogen, entwickelte sich suburbia. Neue Vorortgemeinden - vorwiegend reine "Schlafstädte" - schossen wie Pilze aus dem Boden. Um dem Ansturm der Nachkriegsgeburten, die dem Eintritt in das Bildungssystem entgegenreiften, gewachsen zu sein, wurden vornehmlich in ~Suburbia" die modernsten und großzügigst ausgestatteten Schulen gebaut.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß, obwohl die einzelnen Staaten in gewisser Weise die öffentlichen Schulen aus allgemeinen Steuern finanzieren, der Hauptteil der Schulfinanzierung aus lokalen Grundeigentumssteuern bestritten wird. Daraus folgt, daß die Qualität der Schulen in einem bestimmten Bezirk das Einkommensniveau und den Wert des Grundeigentums seiner Einwohner widerspiegelt. Die Schulen in Suburbia wurden daher die besten, weil die Gemeinden wohlhabend und das Grundsteueraufkommen dementsprechend hoch waren. Sie bestanden aus den modernsten Gebäuden, sie hatten die modernste Ausstattung und ihre Lehrer wandten die modernsten Lehrmethoden an.

Den Schwarzen blieb, was die fliehenden Weißen zurückgelassen hatten: alte und oft verfallen Schulgebäude in dem Niedergang preisgegebenen Wohngebieten, wo die Bewohner nur wenig Geld verdienten und das Grundsteueraufkommen in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu den Bildungsbedürfnissen ihrer Kinder stand. Dementsprechend unzulänglich waren die Resultate.

Besser verdienende Schwarze, die an einer guten Schulbildung für ihre Kinder interessiert waren, wurden durch diese Situation zunehmend frustriert. Sie hatten weder die Möglichkeit, die Schulen in ihrem Wohngebiet zu verbessern, noch konnten sie ihr Ghetto einfach verlassen, um in ein 'besseres' Wohngebiet mit besseren Schulen umzuziehen.

So kam es dann, daß im Jahre 1954 die Familie Brown gegen die Schulaufsichtsbehörde von Topeka, Kansas, gegen die Aufrechterhaltung eines getrennten Schulsystems für Schwarze mit der Begründung Klage erhob, daß getrennte Schulen gegen das Prinzip der Gleichheit verstießen und schwarzen Kindern psychologischen Schaden zufügten. Der oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten stimmte dem zu und ordnete das Ende der Rassentrennung im Schulbereich an.

Die Auswirkungen dieser Entscheidung waren weitreichend, auch, wenn zunächst aktiver Widerstand geleistet wurde, bzw. sie ignoriert oder ihr nur auf dem Papier Folge geleistet wurde. Der Widerstand war anfangs am stärksten im Süden, wo die Praxis der institutionellen Rassentrennung ja eine lange Tradition hatte. Im Norden, der sich darin gefiel, in der Sklavenfrage und dem Bürgerkrieg auf der Seite des Guten und Anständigen gestanden zu haben, mag es auch vorher schon möglich gewesen sein, daß hier und da ein paar schwarze Mittellclassekinder in guten weißen Schulen akzeptiert worden waren. Die faktischen Muster der Ghettoisierung bedeuteten jedoch im Norden wie im Süden, daß die bloße Enffernung von Rechtsschranken für die Integration der Schulen keinerlei praktische Auswirkungen hatte. Schließlich war die Schulsegregation auch nur eines von den vielen Dimensionen der Rassentrennung, die zu jener Zeit in die öffentliche Agenda geraten waren: Diskriminierung bei der Wahl, bei der Wohnungssuche, im Gesetzesvollzug, auf öffentlichen Verkehrsmitteln, in Hotels und Gaststätten sowie fast allen öffentlichen Einrichtungen.

In dem Versuch, die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes in der Sache Brown gegen die Schulaufsichtsbehörde praktisch durchzusetzen, verlangten die Bundesgerichte von den Schulbezirken, über die bereits erreichte formelle Integration hinauszugehen und so etwas wie eine "rassische Ausgewogenheit" anzustreben. Diese rassische Ausgewogenheit sollte, falls erforderlich, dadurch erreicht werden, daß Schüler per Bus aus ihrer jeweiligen Wohngemeinde zu weiter entfernten Schulen im gleichen Bezirk gebracht würden (busing). Da städtische Schulbezirke jedoch ziemlich groß sein können, bedeutete dies, daß einige Kinder weit entfernt von ihrer Wohnung zur Schule gehen mußten.

Diese Verfahrensweise hatte mehrere Folgen: Sie bedeutete, daß die Kinder mit 'fremden' Kindern zusammen zur Schule gehen mußten. Die Eltern kannten die Lehrer nicht, und den Lehrern waren die Eltern unbekannt. Die Eltern kannten die anderen Kinder nicht und auch nicht die anderen Eltern. Der wie immer rudimentäre Gemeinschaftssinn, der sich normalerweise stets um die Schule in der Nachbarschaft gebildet hatte, ganz gleich wie arm diese Schulen auch gewesen sein mögen, ging nun weitgehend verloren. Die Nachbarschaftsschule war ganz einfach tot.

Die Intention des Integrationsgedankens bestand darin, schwarze Schüler auf "gute" Schulen in weißen Wohngebieten zu schicken, um ihnen die Chance zu geben, durch eine entsprechend gute Schulbildung ihre Ghettosozialisation kompensieren zu können. Das bedeutete praktisch, daß die per Bus von anderen, ärmeren Bezirken hereingebrachten Schwarzen sofort von den Weißen als "Eindringlinge" empfunden wurden, ja geradezu als Viren, die einen gesunden Körper befielen. Und dergestalt war auch die Reaktion vieler weißer Eltern und ihrer Kinder - sie suchten die "Krankheit" auszurotten. Infolgedessen begegnete man den neu angekommenen schwarzen Schülern nicht selten mit Gewalttätigkeit und offener Feindseligkeit.

Andererseits wandten sich die Weißen gar nicht in dem Maße gegen die erzwungene Integration, wie man hätte annehmen können, solange die schwarzen Schüler nur in geringer Anzahl in die weißen Schulen kamen. Von vielen 'progressiven' Eltern der Mittelschicht wurden die schwarzen Schüler sogar willkommen geheißen, solange sie auch der Mittelschicht angehörten oder in anderer Weise 'tüchtig' bzw. sozial angepaßt waren. Die Verfrachtung per Bus brachte aber auch viele Schüler aus marginalisierten Unterschichtfamilien und mit entsprechend unangepaßten Verhaltensweisen in die weißen Vorortschulen, und das wiederum brachte eine Menge Schwierigkeiten mit sich: Wortgefechte und Schlägereien in den Schulkorridoren trugen die Realität des Rassenproblems in die idyllischen Zonen des weißen suburbia.

In letzter Konsequenz verstanden die Gerichte den Gesetzesauftrag der "rassischen Ausgewogenheit" als Ausgewogenheit in allen Schulen, nicht nur in den besseren weißen Schulen. Folglich wurden Mitte der 60er Jahre Weiße per Bus in die schwanen Wohngebiete gebracht, urn dort im Gegenzug ärmere, in erbärmlichem Zustand befindliche Schulen zu besuchen.

Viele weiße Eltern gerieten darüber in Wut, und ihre Wut entlud sich auf verschiedene Weise. Einige reagierten gewalttätig, indem sie z.B. Schulbusse in Brand setzten. Andere wiederum nahmen ihre Kinder aus den öffentlichen Schulen und steckten sie in Privatschulen. Besonders in den Südstaaten wurden weiße private "Akademien" nicht nur als Alternative zur Integration, sondern auch in erklärter Opposition zu den in öffentlichen Schulen gelehrten "Werthaltungen" und deren angeblicher "Leistungsfeindlichkeit" gegründet.

In der Zwischenzeit wurden Anstrengungen unternommen, viele integrierte Schulen in ärmeren Wohngebieten dadurch zu verbessern, daß man die Gebäude renovierte, neues Mobiliar beschaffte und die Lehrpläne von Grund auf umstülpte. Um das angeblich niedrige akademische Niveau der meisten schwarzen Lehrer zu kompensieren, wurden sogar weiße Lehrer gegen ihren Willen per Bus in die ärmeren Bezirke einiger Städte gebracht, um dort in Schulen zu unterrichten, die - trotz aller gerichtlichen Anordnungen - nach wie vor überwiegend schwarz waren. Hier wurden die weißen Lehrer häuf~ körperlich angegriffen, und selbst wenn das nicht der Faü war, lernten sie sehr schnell, daß ihre fachliche und moralische Autorität von den Ghettoschülern nicht im geringsten anerkannt wurde, was sie in der Regel in zynische Resignation verfallen ließ.

Da die Methode der Zwangsverfrachtung per Bus offensichtlich von niemandem mit besonderer Begeisterung aufgenommen wurde, begannen einige Schulaufsichtsbehörden mit anderen Methoden zu experimentieren, um den Gesetzesauftrag zur rassischen Ausgewogenheit zu verwirklichen. So versuchte man z.B., das bussing der Schulkinder auf der Basis der "Freiwilligkeit" fortzusetzen. Dies führte im allgemeinen jedoch zu keinem Erfolg, da es sich zeigte, daß nur schwarze Schüler in weiße Schulen fahren wollten und nicht umgekehrt. Einige Schulverwaltungen gründeten auf der Basis des freiwilligen bussing sogenannte Magnetschulen, d.h. Schulen, deren Lehrangebot so gut oder so außergewöhnlich war, daß sie als "Magnete" fungieren und auf diese Weise eine rassisch ausgewogene Schülerpopu1ation anziehen sollten. In einigen Fällen war diesen Schulen sogar Erfolg beschieden. [9]

Trotz all dieser Friktionen und Widerstände ist es doch praktisch dazu gekommen, daß in den öffentlichen Schulen die ursprünglich fest verankerten Muster der Rassentrennung allmählich aufgelöst worden sind; und das trotz der privaten weißen "Alternativ"-Schulen, deren Popularität in den wohlhabenderen weißen Wohngebieten allerdings zunimmt. Ob allerdings die Rassenintegration besser ausgebildete Schüler hervorgebracht hat, ist eine andere Frage. Einschlägigen empirischen Untersuchungen nach ist seit den frühen 60er Jahren der Wissens- und Leistungsstand amerikanischer Schulkinder kontinuierlich gesunken.

Während dafür verschiedene Faktoren verantwortlich sein dürften, so sind doch viele weiße Amerikaner davon überzeugt, daß die Zwangsintegration der öffentlichen Schulen die Hauptursache sei. Sogar aus den Reihen der rassischen Minderheiten selbst werden zunehmend Beschwerden über die mangelnde Qualität schulischer Bildungsangebote laut, und zwar insbesondere, was die öffentlichen Schulen betrifft. Zusammen mit Weißen zur Schule zu gehen, ist ganz einfach nicht genug, um die Bildungsqualität und damit die Berufschancen schwarzer Kinder zu erhöhen. In diesem Zusammenhang fordern neuerdings schwarze Eltern schwarze Schulen in ihren Wohngebieten mit der Begründung, daß nur sie, die schwarzen Eltern, letztendlich darüber entscheiden könnten, welche Programme und welche Lehrpläne den Bedürfnissen ihrer Kinder arn besten entsprächen. Sie erklären, daß Schulen, die den Bedürfnissen von zwei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zugleich zu entsprechen versuchen, letztlich keiner von beiden gerecht werden könnten.

Inzwischen wurden in der Tat einige schwarze Alternativ-Schulen gegründet - allerdings nicht in dem Bemühen, die "Reinheit der Rasse" zu erhalten, wie das in einigen weißen Alternativ-Schulen als Ziel formuliert worden ist, sondern um den desolaten Zuständen in vielen öffentlichen Schulen zu entkommen Getrennte Schulen zu unterhalten ist jedoch kostspielig, da sie vom Staat in keiner Weise unterstützt werden; daher ist auch die Zahl schwarzer Alternativ-Schulen bislang nur klein. [10]

Die Periode der Bürgerrechtskämpfe fiel auch zusammen mit entscheidenden Veränderungen im Organisationsbewußtsein der Lehrer. Im Jahre 1962 brach die National Education Association mit ihrer traditioneü berufsständischen Orientierung, beendete ihre Zusamrnenarbeit mit den Schulbehörden und verwandelte sich in eine kämpferische Lehrergewerkschaft, die auch vor dem Mittel des Streiks nicht zurückschreckte. Während der folgenden beiden Jahrzehnte waren Lehrerstreiks nichts Ungewöhnliches mehr; mit der Zahl der als Streikposten tätigen Lehrer und der Anzahl der Tage, die die Kinder wegen der Streiks zu Hause verbringen mußten, wuchs der öffentliche Unmut gegenüber den Lehrern. Nach Ansicht großer Teile der Öffentlichkeit war der Lehrberuf, der edle Berufsstand, dem sie ihre Nachkommen anvertraut hatten, zu einem Job wie jeder andere verkommen (über den gewerkschaftlichen Kampf der Lehrer siehe Shils/Whittier,1968).

Alles in allem ist das amerikanische Bildungssystem wohl den europäischen Systemen mit ihren staatlichen Prüfungen und ihrem Gewicht auf kognitive Fertigkeiten auch vorher niemals völlig gleichwertig gewesen. Ab 1963 jedoch vergrößerten die negativen Konsequenzen der vielen massiven Veränderungen im amerikanischen Bildungssystem diesen Rückstand noch. In diesem Jahr setzte erstmalig bei den Resultaten eines auf Bundesebene durchgeführten Coüege-Eignungstests (Scholastic Aptitude Test: SAT) für Schüler der high school-Abschlußklasse ein dramatischer und bis 1982 sich ununterbrochen fortsetzender Niedergang ein. Während man sich über den Wert solcher Prüfungen streiten kann, so waren sie als Indikator für den Zustand der Schulen der Nation dennoch nicht einfach abzutun. Dazu muß daran erinnert werden, daß der SAT die Kompetenz von high school-Absolventen mißt, d.h. von Schülern, die überwiegend der MitteLclasse entstammen. Die lange vertretene Meinung, daß mangelnde Bildung bzw. Bildungsbereitschaft aüein eine Funktion schlechter Lebensverhältnisse sei, konnte nicht mehr aufrechterhalten werden.

Aber als schlimmer noch wurde die Tatsache gesehen, daß die Schüler, die die Schule mit offenkundigen Wissensmängeln abschlossen, weiterstudierten, um Lehrer zu werden und nicht nur Kinder, sondern die nächste Generation von Lehrern weiter zu unterrichten. Bildungskritiker malten ein schreckenerregendes Szenario an die Wand: sie errechneten, wie sich die konzentrierte Inkompetenz eines einzigen Jahres im Laufe der Zeit geradewegs potenzieren und damit eine Abwärtsspirale in Gang setzen würde, die auf absehbare Zeit die aügemeine Inkompetenz der Nation garantieren müßte. 'Hochrechnungen' dieser Art waren aüerdings selbst eher ein Ausdruck

inkompetenter, d.h. rein behaviouristischer Vorstellungen von Bildung.

Ungefähr zu der Zeit, als die Leistungen im SAT-Test zu sinken begannen, erreichte die Bürgerrechtsbewegung, die gerade die Bürgerrechtsgesetzgebung von 1963 durchgesetzt hatte, die Universitäten und Colleges. 1964 wurde das Berkeley Free Speech Movement gegründet; ein Ereignis, dessen Folgen den Bereich der höheren Bildung nachhaltig erschüttern sollte.

Obgleich es das erklärte Ziel der Bewegung war, für die Studenten das Recht zu erkämpfen, das zu sagen, was sie wollten, das zu denken, was sie für richtig, und das zu lernen, was sie für wichtig hielten, kam es nicht von ungefähr, daß die Führer der Bewegung jüngere Mitglieder des Lehrkörpers waren, die von der expandierenden Universität angezogen worden waren, um dann ihren Weg nach oben durch die etablierten älteren Professoren blokkiert zu finden. Die Assistenten leisteten die Arbeit, während die Professoren die Ehre einheimsten. Was dann folgte, war - abgesehen von den ebenfalls um diese Zeit einsetzenden Auseinandersetzungen um Vietnam - im wesentlichen ein Kampf des frustrierten Mittelbaus um seine Zukunftschancen. Die von diesen "Rebellen" formulierte Kritik an den College-Lehrplänen beruhte allerdings weniger auf einer breit angelegten, neu durchdachten Bildungsphilosophie als auf der simplen Denunziation der überkommenen Mißstände und Privilegien sowie auf der im Grunde klassisch amerikanischen Orientierung des Lehrstoffes an den vorgeblichen Fakten der "unmittelbaren Realität." (Einschlägig speziell über die Berkeley-Bewegung ist nach wie vor Lipset/Wolin, 1965)

Prüfungsanforderungen für den Collegeabschluß wurden auf allen Stufen weitgehend über Bord geworfen. Englisch und fremde Sprachen wurden als Pflichtveranstaltungen abgeschafft; in Mathematik und den Naturwissenschaften wurden die Anforderungen derart verwässert, daß sie kaum noch sinnvoll waren; oder sie wurden ganz abgeschafft. An einigen Colleges und Universitäten wurde schließlich das Notensystem gänzlich beseitigt. Wieder einmal bestimmte die Vorstellung von fun und später von "Relevanz" die Entwicklung der Lehrprogramme. Und wenn es keinen "fun" machte oder sozial nicht "relevant" war, wurde die Sache ganz einfach nicht angeboten bzw. falls sie doch angeboten wurde, dann war sie vermutlich auch keine Pflichtlehrveranstaltung. Wenn sie aber keine Pflichtveranstaltung war, dann wurde sie vermutlich auch nicht belegt.

Auf diese Weise verloren grundlegende Unterrichtsprogramme und Lehrveranstaltungen in der höheren Bildung an Bedeutung. Mathematik, Naturwissenschaften, Philosophie und Geschichte verloren in den College-Programmen der 60er und 70er Jahre an Bedeutung zugunsten von Lehrveranstaltungen, die mehr "fun" boten, z.B. in Soziologie, Psychologie, Black Studies, Women Studies etc. [11]

Eine der Triebkräfte für die Veränderungen im höheren Bildungswesen in der Zeit von den späten 60er bis zu den frühen 70er Jahren war der Vietnamkrieg und die Wehrpflicht. Tausenden von jungen Männern gelang es, die Wehrpflicht dadurch zu umgehen, daß sie ein College besuchten; solange sie ihren Notendurchschnitt halten konnten, brauchten sie nicht in den zunehmend unpopulären Krieg zu ziehen. Das Drängen auf Lehrplanänderungen ging daher auch von Leuten aus, für die höhere Bildung subjektiv vor allem ein Mittel zu einem besonderen Zweck war: die Einberufung zu vermeiden. Für viele waren Prüfungen, Noten, Examenserfordernisse nur deshalb wichtig, weil die Nichtbeachtung von Anforderungen, Prüfungsversagen und schlechte Noten die Einberufung zum Militär bedeutete. Die Kritik und der Reformeifer der 60er Jahre waren folglich nicht unbedingt überall mit ernsthaften pädagogischen Grundsätzen verbunden.

In den frühen 70er Jahren hatte die Spitze des babybooms jedoch das Collegesystem durchlaufen und die Wehrpflicht wie auch der Krieg waren zu Ende. Die Zahl der Schüler und Studenten in öffentlichen Schulen, Colleges und Universitäten begann zu sinken, und mit diesem Rückgang begannen wieder die Finanzierungsfragen den Problemkatalog zu dominieren. Die 60er Jahre und die frühen 70er Jahre waren Jahre des Wachstums und der Fülle gewesen, da sowohl der "Krieg gegen die Armut" - Lyndon Johnsons faktisch gescheitertes Programm zur Eliminierung der Armut - wie auch der Krieg in Vietnam gleichzeitig durch massive Regierungsausgaben gefördert worden waren. Nach den Worten Lyndon Johnsons sollte das Land Kanonen und Butter zugleich haben.

Durch die rückläufigen Studentenzahlen wurden die Colleges und Universitäten zu einem Rentabilitätsdenken nach privatwirtschaftlichem Muster gezwungen. Kosteneffektivität, zielorientiertes Management und rationales Planen waren nun die Parole. Die Manager ergriffen die Macht. Wenn die Lehrveranstaltungen nur wenige Hörer hatten, entfielen sie, ganz gleich, wie wichtig sie für das Curriculum waren. Wenn Lehrprogramme nicht populär waren, beschnitt man sie, ganz gleich, welche Rolle sie innerhalb des Bildungsauftrags der Universität spielten.

Der in den Wachstumsjahren genährte Glaube der meisten jungen Menschen an die Fähigkeit und den Willen der Regierung, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern, war durch die Ereignisse der frühen 70er Jahre - von Vietnam über Watergate bis zu spektakulär publizierten Mißbräuchen bei einzelnen Wohlfahrtsprogrammen - erschüttert worden. Darüber hinaus war der Staat im Vergleich zu den 60er Jahren unmer weniger in der Lage, genügend sichere Arbeitsplätze bereitzustellen. So wandten sich die Studenten, möglicherweise aus Überzeugung, möglicherweise aber auch aus Verzweiflung von den lang,e bevorzugten Geisteswissenschaften ab, um sich den unmittelbar "praktischen" Studienrichtungen wie Wirtschaftswissenschaften und computer science zuzuwenden.

Als dann in der zweiten Hälfte der 70er Jahre die Stagflation und die zunehrnende Abhängigkeit von der übrigen Welt als nationale Probleme ins allgemeine Bewußtsein drangen, wurden Einschränkungen in allen Bereichen der Gesellschaft zur wichtigen Frage. Die angestauten Frustrationen und Feindseiigkeiten aufgrund der Bürgerrechtskämpfe, der Rassenintegration, der Niederlage im Vietnamkrieg und des darnit verbundenen Rückgangs des Patriotismus, der Korruption in der Regierung und des Versagens der Regierungsprogramme, der immer häufiger werdenden Lehrerstreiks, der zunehmenden Jugendkriminalität, des Drogenrnißbrauchs und der Gewalttätigkeit in Schulen kreierten ein gesellschaftliches Klima, das für die Probleme des Bildungssektors nicht sonderlich aufgeschlossen war.

Da die Verwaltung und Finanzierung der öffentlichen Bildung dezentralisiert ist, ist sie auf lokale Wähler angewiesen, welche das zur Unterstützung der Schulen erforderliche Steueraufkommen genehmigen. Zwar sind die meisten Schulsteuern gesetzlich festgelegt und unterliegen nicht weiter der Zustimmung der Wähler, nachdem einmal ihre Höhe bestimmt ist; wenn die Schulen aber Mittel für zusätzliche Programme, für neue Gebäude, für die Instandhaltung und Unterhaltung der alten Gebäude und Anlagen benötigen, müssen sie zusätzlich Steuern erheben oder auf den Finanzmärkten Anleihen verkaufen, um den Mittelbedarf zu decken. In jedem Fall müssen sie die Genehmigung der Wähler des jeweiligen Schulbezirks einholen.

In den 60er Jahren waren die Schulprogramme umfangreicher und komplexer geworden, ohne daß die gesetzlich abgesicherte Steuergrundlage für den Bildungsbereich erweitert oder geändert wurde. Dies war deswegen möglich, weil sich in der Regel die lokalen Wähler dazu bereit fanden, zusätzliche Gelder für bessere Schulen freiwillig zur Verfügung zu stellen.

Im Zuge der realen Entwicklung der amerikanischen Demokratie ist die Abstimmung über Schulsteuern so ziemlich der letzte Rest direkter Einflußnahme, der dem einfachen Wahlbürger verblieben ist. Für die meisten Leute ist sie die einzige Gelegenheit, wenn auch in bescheidenem Rahmen, Einfluß auf die Politik zu nehmen. Nachdem große Teile der ehernals so staatstragenden Mittellclasse über praktisch die ganze Richtung im Lande sich ärgerten, fmgen sie an, ihren Unmut mehr oder weniger dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß sie gegen zusätzliche Schulsteuern stimmten.

Mit den Worten einer Frau, die gegen eine Anleihe zur dringend benötigten Modernisierung ihrer lokalen high school stimrnte: n Ich schätze die Schulen und möchte ihnen auch nicht wehtun. Es gibt aber heute so viel Schlechtes in der Welt und durch meine Wahl wollte ich ganz einfach kundtun, was ich davon halte." Als Folge davon geriet in den 70er Jahren die Finanzierung des Bildungssystems nahezu ins Chaos.

Im allgemeinen werden staatliche Colleges und Universitäten anders als die Schulen finanziert. Zusätzlich zu dem durch Studiengebühren und sonstige Beiträge erzielten Einnahmen werden sie durch direkte, vom Gesetzgeber des jeweiligen Staates zugeteilte Mittel fnanziert. Dennoch waren auch sie von ähnlichen finanziellen Schwierigkeiten betroffen, da die Staatenparlamente sich weigerten, weiterhin Mittel in der gewohnten Höhe bereitzustellen. Dabei ging es vordergründig zwar stets nur um fnanzielle Erwägungen; allerdings spielte dabei wohl auch der Umstand eine Rolle, daß viele konservative Gesetzgeber nicht vergessen konnten, welch "unpatriotische" Position die meisten Universitäten während des Vietnamkrieges bezogen hatten.

Auch die privaten Colleges und Universitäten blieben von Finanzproblemen nicht verschont. In der Tat waren sie häufig noch stärker als die staatlichen Bildungseinrichtungen betroffen, da sie fast ausschließlich von den Studiengebühren und ihrem Stiftungskapital leben mußten. Viele private Hochschulen verloren ihr Stiftungskapital und sonstige finanzielle Zuwendungen von Firmen oder reichen Ehemaligen wegen der politischen Aktivitäten ihrer Professoren und Studenten während des Vietnamkrieges. Vor allem litten sie jedoch unter dem gleichen Problem wie die öffentlichen Schulen: der babyboom war vorbei und die Studentenzahlen sanken. In den 70er Jahren schlossen mehr als 500 kleine, nicht selten hoch angesehene, alte Liberal Arts Colleges ihre Tore für immer.

Ein Anliegen beherrscht die 80er Jahre ganz besonders: Religion im Klassenzimmer. 1963 klagte die erklärte Atheistin Madelyn Murray vor dem Obersten Gericht der Vereinigten Staaten gegen die weithin übliche Praxis, an öffentlichen Schulen den Tag mit einem Gebet zu beginnen. Die Verfassung der USA sieht vor, daß der Kongreß keinerlei Gesetze, die etwas mit der Religionsausübung seiner Bürger zu tun haben, erlassen dürfe. Frau Murray legte dies so aus, daß das Gebet und überhaupt jegliche religiöse Aktivitäten in öffentlichen Schulen verfassungswidrig seien. In einer für die öffentlichen Schulen fast so tiefreichenden Entscheidung wie die von 1954 über die Rassenintegration, stimmte der Oberste Gerichtshof dem bei. Das Ergebnis dieser Entscheidung, die auch viele Versuche überstand, sie durch stille Meditation oder "Freiwilligkeit" zu umgehen, sollte die Schulen in einem in den USA bisher unbekanntem Maß säkularisieren. Danach war es nicht nur untersagt, öffentlich zu beten, sondern auch entsprechende Symbolfiguren zur Schau zu stellen, wenn sie nicht in ihrem Wesen "weltlich" waren. So wurden z.B, das Jesuskind und die Drei Weisen aus dem Morgenland abgeschafft, nicht aber Sankt Nikolaus. "Stille Nacht" durfte man offiziell nicht singen, dagegen aber "Jingle Bells". Christus am Kreuz war tabu, der Osterhase aber zulässig, usw. (vgl. zu diesem Thema Engel, 1974 sowie Laubach, 1969).

In Wahrheit kümmerten sich nur wenige Schüler, Studenten und Eltern um diese Probleme, und die meisten anderen hielten die Einschränkungen für unsirmig und ignorierten sie, besonders in den Fällen, wo die Verfassung nun "offiziell" das Feiern traditioneller christlicher Feiertage beschnitt. Gleichwohl schufen diese Veränderungen den Vorwand für einen breit angelegten rechtspopulistischen Angriff auf das öffentliche Bildungswesen unter der Parole, daß "die Entfernung Gottes aus dem Klassenzimmer" die Ursache allen sozialen Übels sei, dem sich das Land seit den 50er Jahren ausgesetzt sah.

Dieser Angriff lief auf verschiedenen Fronten. An erster und wichtigster Stelle stand die Frage des Schulgebets. Sie war oft jedoch nur der Anlaß für weiterreichende Attacken gegen Lehrbücher und Lehrpläne. Diese, so argumentierte man, lehrten die Kinder eine verzerrte "liberale" Version der amerikanischen Geschichte, indem sie den weißen Mann als einen Bösewicht herausstellten und sich lange bei vergangenen Übelständen aufhielten, wie z.B. der Sklaverei und der Diskriminierung ethnischer Minderheiten, gleichzeitig aber die gegenwärtigen Zustände von Sünde und Korruption glorifizierten. Die traditionellen christlichen Werte würden zersetzt durch die Proklamierung der Weltanschauung des "säkularen Humanismus", durch die Sexualerziehung an den Schulen und den dadurch vermittelten "ethischen Relativismus". Weitere Angriffsziele wurden die Frauenbewegung und die Liberalisierung der Gesetze gegenüber der Homosexualität. Schließlich wurde auch die Frage der Evolution und des Ursprungs der Arten, von der man eigentlich glaubte, daß sie mit dem Prozeß gegen John Scopes vor sechzig Jahren ein für alle Mal erledigt worden sei wieder zum Gegenstand von Kontroversen: Die Schüler, so wurde geklagt, hätten an vielen öffentlichen Schulen keine Möglichkeit, die biblische Version der Schöpfung als Alternative zur Theorie der Evolution kennenzulernen. Dabei ging es natürlich im Grunde um das Bild vom Menschen: Ist er eine göttliche Schöpfung oder das zufällige Nebenprodukt eines unpersönlichen und mechanischen Prozesses? Ist er absoluten und traditionellen Werten unterworfen oder gilt für ihn das anarchistische Prinzip des "everything goes"?

Es stellte sich heraus, daß die Möglichkeit, Curricularentscheidungen auf breiter Ebene "demokratisch" zu beeinflussen, in den 70er und 80er Jahren weit größer war als sechzig Jahre zuvor. Und das aus zwei Gründen: Erstens hatten inzwischen viele der einzelnen Staaten Schulbuchkommissionen eingerichtet, die Lehrbücher genehmigten und in der Regel für alle öffentlichen Schulen des betreffenden Staates auswählten. Zweitens waren einige Staaten mittlerweile so groß und wohlhabend geworden - besonders Texas und Kalifornien - daß die Verleger die Schulbücher auf die Wünsche dieser Staaten zuschnitten, da in einem volkreichen Staat bei der Lieferung eines einzigen Schulbuchs viele Millionen Dollar verdient werden konnten. Wenn die Lehrbücher einmal ausgewählt waren, würden sie wahrscheinlich auch von kleineren und weniger reichen Staaten übernommen werden.

Also gingen besonders in Texas und Kalifornien fundamentalistische Gruppierungen daran, Druck auf öffentliche Schulbehörden auszuüben und sie zu nötigen, bestimmte Texte zu übernehmen oder abzulehnen bzw. ihre Lehrpläne zu ändern.

Mit Hilfe modernster elektronischer Kommunikationstechniken - wobei vor allem das Christian Broadcast Network, ein fundamentalistischer Sateüitenfernsehsender, eine entscheidende Rolle spielte - und systematischer Agitation gelang es einer relativ kleinen, aber extrem aktiven Minderheit von politisch-religiösen Konservativen, in der Tat das Lehrangebot in vielen öffentlichen Schulen des Landes entscheidend zu beeinflussen. Dabei wurde vor allem von computerisierten Adressenlisten Gebrauch gemacht, mit deren Hilfe man bei aüen anstehenden Abstimmungen auf lokaler Ebene eine Reihe von ideologisch vorsortierten Kontaktpersonen gezielt ansprechen konnte.

Bis zur Mitte der 80er Jahre wurden so die Lehrplanmaterialien der öffentlichen Schulen weitgehend von "anstößigen" und "liberalen" Inhalten gesäubert; was u.a. auch dazu führte, daß nunmehr die entschiedenen Gegner dieser Art von Ideologisierung des Bildungsbereichs sich ernsthaft zu wehren begannen. Inzwischen hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten festgestellt, daß die "Kreationswissenschaft", die die Fundamentalisten gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie gelehrt wissen wollen, lediglich als Deckmantel für den Versuch anzusehen sei, religiöse Auffassungen in das öffentliche Bildungssystem einzuschleusen: mithin als verfassungswidrig. Die Schulbuchverleger werden ihre Bücher nun wieder umschreiben lassen müssen.

Auf Hochschulebene wurde eine Gruppe gebildet, die sich "Genauigkeit im Akademischen" (Accuracy in Academia) nannte, um "linksgerichtete liberale" Ansichten in den Hörsälen durch entsprechend beauftragte Studenten zu Protokoll nehmen zu lassen. Die Reports über begangene "Ungenauigkeiten" betrafen in erster Linie solche Professoren, die für eine umfassende Rüstungskontrolle oder für eine Änderung der amerikanischen Politik gegenüber Zentralamerika sich ausgesprochen hatten. Der Einfluß bzw. die Einschüchterungswirkung dieser Aktion auf die Hochschulen blieb jedoch vergleichsweise gering.

Die Kritik am öffentlichen Bildungswesen wurde seit den 70er Jahren allerdings nicht nur von Konservativen, sondern auch von Liberalen geübt. Sie kam nicht nur von den Kirchen, sondern auch von der Bundesregierung und den Universitäten, die Nachhilfekurse in den Fächern Englisch und Mathematik anbieten mußten, da viele Studenten mit großen Lücken in elementaren Wissensgebieten an die Hochschulen kamen. Als unmittelbare Folge dieser Kritik wurden zunächst die Leistungsanforderungen generell angehoben, zuerst in den Universitäten und später an den staatlichen Schulen. Pflichtkurse in Englisch, Mathematik und den Naturwissenschaften wurden wieder eingeführt oder verstärkt; auf Fremdsprachen wurde wieder stärkere Betonung gelegt, wenngleich nicht annähernd in dem Urnfang wie in Europa oder den meisten anderen Teilen der Welt.

Als Ergebnis ließ der Rückgang der Leistungen im SAT-Test, der zwanzig Jahre angehalten hatte, nach; die Leistungen stabilisierten sich und wurden sogar Anfang der 80er Jahre besser. "Back to basics", d.h. die Rückkehr zur Betonung des Lehrens der elementaren Kulturtechniken wurde die Parole. [l2]

Dennoch, die Schlacht für das öffentliche Bildungswesen ist noch nicht geschlagen. Von konservativer Seite wurde der Vorschlag gemacht, daß die Regierung den Familien Bildungsberechtigungsscheine gibt, die in der Schule ihrer Wahl, einschließlich privater, von religiös-weltanschaulichen Sekten getragener Schulen, "eingelöst" werden können. Theoretisch würden die Prinzipien des "freien Marktes" dann dazu führen, daß weniger populäre Schulen ihr Lehrangebot aufbessern müßten, um der Nachfrage zu entsprechen. Die Verfechter des öffentlichen Bildungssystems fürchten jedoch, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen das Berechtigungsschein-System zur weiteren finanzie11en Auszehrung der staatlichen Schulen führen würde, weil nur die sozial 'unbeweglichsten' und finanziell ärrnsten Schüler dort bleiben würden, während die übrigen mit ihren Berechtigungsscheinen auf private Bildungsinstitutionen mit gesellschaftlichem 'Status' ausweichen würden.

Inzwischen wehren sich einige Eltern gegen die Schulpflichtgesetze, in dem sie ihre Kinder aus den Schulen nehmen, um sie zu Hause zu erziehen und zu bilden. Wenn die Eltern ihre Fähigkeit "nachweisen", ihre Kinder den staatlichen Anforderungen entsprechend zu erziehen und zu bilden, haben die Gerichte in der Regel keine Einwände.

Das amerikanische Bildungssystem ist ein Barometer für die Widersprüche und sozialen Veränderungen in der amerikanischen Gesa~ntgesellschaft. Rasse, soziale Klasse, Existenzprobleme der Individuen; Besitzende, die danach trachten, das zu behalten, was sie schon haben und Habenichtse, die darauf aus sind, etwas von dem zu bekommen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht - solcher Art sind die Spannungen, denen die amerikanische Gesellschaft seit eh und je ausgesetzt war.

Wenn auch die ständige Veränderung schon immer das Hauptmerkmal der amerikanischen Gesellschaft gewesen ist, so kommen viele Amerikaner mit Veränderungen immer noch schlecht zurecht: neuerdings sieht besonders die weiße Mittelklasse durch die jüngsten Veränderungen Gefahren auf sich zukommen, die ihr das Gefühl vermitteln, das eigene Schicksal nicht mehr in der Hand zu haben.

Somit befinden sich derzeit viele Amerikaner in einer schweren subjektiven Krise: sie sind verwirrt und frustriert, weil man ihnen sagt, daß ihr Land längst nicht mehr strategisch unverwundbar sei und ihre ungeheuren Reserven an natürlichen Ressourcen schwänden; ihre Industrie verläßt das Land und der Lebensstandard der Bevölkerung sinkt, ihre ehemaligen ausländischen Partner werden zu Konkurrenten, einige ihrer besten Freunde werden zunehmend kritischer, ja unfreundlich. Dazu steckt Amerika bis über den Kopf in Schulden. Während das Land einst unabhängig war, droht es jetzt abbängig zu werden. Laut einschlägiger Meinungsumfragen fühlen sich seine Bürger, vor allem aus der Mittelschicht, zunehmend hilflos, hoffnungslos und unglücklich. Und das macht viele Amerikaner zornig.

Dieser Zorn kommt von der Basis der "schweigenden Mehrheit" und spiegelt sich damit auch im amerikanischen Schulwesen wider. Amerikanische Schulen reagieren schnell auf den Streß, unter dem die Menschen stehen. Wenn unsere Analyse richtig ist, dann wird das System der lokalen Schulaufsicht weiterhin dafür bürgen, daß die Schulen den Zorn und die Ängste der amerikanischen Bürger besonders ungef~ltert widerspiegeln. Das Alltagsleben in den amerikanischen Schulen wird auch in Zukunft von gesellschaftlichen Schwierigkeiten belastet sein.

Dennoch funktionieren die amerikanischen Schulen. Das Fehlen einer zentralen Leitung macht es schwierig, eine bestirnmte und einzige Richtung zu propagieren oder die Massen zu mobilisieren, obwohl es sicher Leute gibt, die das gerne tun möchten. Der Kampf, mit Veränderungen fertig zu werden,

hat für Stabilität gesorgt, wohingegen die Suche nach Stabilitat Konflikte gezeitigt hat. Man könnte behaupten, daß gerade die Un~nöglichkeit, Stabilität oder eine einheitliche Linie zu finden, die Bedingung für die trotz aller kognitiven Mängel so häufig in amerikanischen Schulen anzutreffende Energie und Kreativität ist.





Ins Deutsche übertragen von Vibeke Fink und Frank Unger



Anmerkungen



1 Eine detaillierte Darstellung des amerikanischen Schulsystems und seiner Geschichte gibt Mulhern, 1969.

2 Einen guten Eindruck von der spezifischen Mentalität der meist englischstämmigen konservativen Kleinbürger auf dem flachen Land und ihres gereizten Zorns, ~venn immer sie glaubten, die Kontrolle über ihre Angelegenheiten zu verlieren - insbesondere über die Aufzucht und Erziehung ihrer Kinder - vermittelt Montgomery, 1899.

3 Zum historisch-sozialen Hintergrund der Kontroverse zwischen Wissenschaft und Religion an den öffentlichen Schulen siehe Boles, 1963, sowie Nelkin, 1982.

4 Die immer noch beste Darstellung und Diskussion der Wirkung des Sozialdanvinismus in den USA ist Hofstadter, 1955; siehe auch: The Autobiography of Andrew Carnegie, 1920. Über die Verbindung von Höherer Bildung und Kapitalinteressen findet man Interessantes bei Veblen, 1918.

5 Die Bedeutung des Sports in den USA und insbesondere in ihrem Bildungssystem kann kaum überschätzt werden, Siehe Reiss, 1984; Gardner, 1975; wie Mrozek, 1983.

6 Zur Geschichte der amerikanischen Lehrerorganisation siehe Richards, 1892; Wesley, 1957

sowie Commission on Educational Reconstruction,1955.

7 Von beginn an sind religiöse Institutionen, häung mit stark sektiererischem Einschlag, gewissermaßen das Rückgrat des amerikanischen Bildungswesens gewesen. Zumindest bis zum Ende des 19. Jahrhunders waren sie überwiegend protestantisch bzw. puritanisch. Katholische Hochschulen dagegen konnten hauptsächlich wegen mangelnder Finanzkraft des katholischen Bevölkerungsanteils und wegen des Anti.Katholizismus der Protestanten - sich erst in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts etablieren. Siehe dazu Näheres in Rudolph, 1962; Touraine, 1947; O. und M. F. Handlin, 1970; Keeton, 1971; Pace, 1972 sowie Greeley, 1969.

8 Über die graduelle Entwicklung des berufsstandischen Bewußtseins unter den Universitätslehrern vgl. Hofstadter/Metzger, 1955:125 ff.

9 Viele Bände sind geschrieben worden über das Verhältnis von Rasse und Bildung in den USA. Die klassische Studie - und prägend für die Position des Reformliberalismus der Nachkriegszeit - ist Myrdal, 1944. Als neuere Bestandsaufnahme siehe Hochschild, 1984 sowie Metcalf, 1983.

10 Über die Bildungsprobleme der verschiedenen "Minderheiten" siehe Weinberg 1983; Pratte, 1979, sowie Neisser, 1986.

11 Diese Entwicklung löste eine gewaltige Welle von Kritik an Amerikas Schulsystem aus. Vgl. z.B. Silberman, 1970.

12 Der weitgehende Mißerfolg des Versuchs, die Kompetenz amerikanischer Schulen und ihrer Absolventen zu stcigern, ist dokomentiert im 1983er Bericht der National Commission on excellence in Education, A Nation at Risk: The Imperative for Educational Reform, 1983. Dieser Bericht ließ die Debatte über die mangelnde Qualität der amerikanischen Schulen wieder aufleben.



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