Aus:

Amerika: der Gespaltene Traum

Lewis Carlson & Frank Unger

(Hsg.)

Aufbau Taschenbuch Verlag,

Berlin

1992





Charles L. McGehee -

Ein Brief an die Klasse von 1954

1989 kehrte Charles McGehee, Professor an

einer Universität im Nordwesten der USA, in seine

Heimatstadt Kansas City zurück, um den 35. Jahrestag seines

High-School-Abschlusses mit seinen ehemaligen

Schulkameradinnen und -kameraden zu feiern. Er entdeckte, daß

nicht nur seine "lten Schulfreunde, sondern auch seine alte

Southeast High School sich verändert hatten. Man traf sich-in

einem Vororthotel, denn die Innenstadt von Kansas City,

insbesonderse der Stadtteil, in dem seine Schule liegt, war zu einem

schwarzen Cetto geworden. Seine Schulkameraden warnten ihn

davor, überhaupt den Versuch zu unternehmen, die alte ScInde zu

besuchen: sie sei eine völlig verwahrloste, rein schwarze Institution

geworden, von einer "Bildungseinrichtung" irn guten Sinne des

Wortes könne man nicht mehr reden.

McGehee schlug jedoch ihren Rat aus, besuchte seine alte Schule

am Tag nach dem Klassentreffen und entdeckte zu seiner großen

Uberraschung, daß vieles sich gar nicht so sehr verändert hatte,

wie es ihm geschildert worden war. Auf jeden Fall verlief sein

Besuch dort völlig anders, als er es erwartet hatte.

Wieder zu Hause angekommen, setzte er sich an den Computer

und schrieb spontan einen Brief, in dem erseine Erlebnisse und

Reflexionen während des Besuches zusammenfaßte. Diesen Brief

schickte er an seine alte Klasse, an den jetzigen Direktor seiner

alten Schule, an andere ehemalige Freunde in Kansas City sowie

an den Kanses City Star, die einzige größere Zeitung der

Stadt. Sie hat ihn nicht abgedruckt. Hier ist der Wortlaut des

Briefes:





Kürtzlich war ich anläßlich des 35. Jahrestages meiner Ent-

lassung von der Southeast High School in Kansas City.

Wie die meisten Klassentreffen ab einem bestimmten Al-

ter war auch dieses eine bittersüße Angelegenheit, voller

fröhlicher Erinnerungen an die gute alte Zeit, aber auch

voller depressiver Stimmung über ihren Verlust und Kla-

gen über die grimmige Gegenwart. Die Southeast High

School gehört ebenfalls zu dieser grimmigen Gegenwart,

so wurde mir immer wieder seufzend anvertraut von de-

nen, die in der Stadt geblieben waren: die Stätte unserer

glorreichen, unschuldigen Jugend heute ein Ort der Ge-

walt, des Drogenmißbrauchs und des allgemeinen Verfalls.

Auf dem Klassentreffen machten die schrecklichsten Ge-

schichten die Runde über den Niedergang unseres alten

Schulgebäudes, das ein bißchen wie eine Burg gebaut war,

weshalb auch König Artus und seine Tafelrunde offiziell

unsere Schulhelden waren und unsere Schulmannschaften

sämtlich Ritter genannt wurden.

Ich war nach einem Abend voll solcher Geschichten

richtig froh, daß alle meine Klassenkamerad/innen, die in

Kansas City geblieben waren, eine sichere Zuflucht in den

Vororten gefunden hatten, und ich selbst freute mich auch

auf meinen Rückflug quer über das Land und auf mein

gemütliches Zuhause im fernen Staat Washington.

Ich hatte aber noch etwas Zeit, und so entschied ich

mich, wenigstens einmal an meiner Schule vorbeizufahren,

bevor ich nach Hause fliegen würde. Die Schule war na-

türlich wegen der Sommerferien geschlossen, aber ich gab

nicht so schnell auf, und so fand ich schließlich eine offene

Tür an der Rückseite des Hauptgebäudes. Ich ging hinein,

nicht ohne eine gewisse Beklemmung. Nach den Geschich-

ten, die ich gehört hatte, mußte ich damit rechnen, be-

stenfalls sofort wieder von feindseligen Bewohnern wieder

hinausgeworfen, schlimmstenfalls von Banden bewaffneter

Drogenhändler angegriffen zu werden.

Ich stieg die Treppe hoch und befand mich piötzlich

unmittelbar vor dem Haupteingang zur Aula. Die Tür war

unverschlossen Ich öffnete sie langsam. innerlich gefaßt

auf einen herzzerreißenden Anblick. Ganz sicher würden

die Wände mit Graffiti übersät und gezeichnet sein von

den 35 Jahren kontinuierlicher Venachlässigung und nicht

gestoppten Verfalls seit jenen glorreichen Tagen in den

frühen fünfziger Jahren, als wir diese Räume belebt hat-

ten. Zu meinem absoluten Erstaunen waren da keine hin-

geschmierten Graffiti, sondern große, bunte Wandgemälde,

die verschiedene mittelalterliche Rittermotive darstell-

ten.

Daß unsere Schule das Haus der Ritter war, bedeutete

hier immer etwas mehr als woanders. Alle Schulen haben

ja irgendein Symbol: Löwen, Tiger, Blauhäher etc. Wir

pflegten offiziell die Erinnerung an König Artus und seine

Tafelrunde, und wir fühlten uns auch durchaus bestimmten

ritterlichen Werten und Tugenden verpflichtet, was Cha-

rakter und Lebensführung betraf. Dieser Bezug wurde

nicht nur auf den Spielfeldern, sondem auch in anderen

Bereichen hergestellt: Unsere Schülermitverwaltung hieß

offiziell die Tafelrunde, unser Jahrbuch hieß Kreuz-

zügler und unsere Schülerzeitung Der Bergfried.

Was jedoch noch wichtiger war: Ritterlichkeit lautete

auch die von uns durchaus ernst genommene Schulmaxi-

me, sie war eine Art allgemeine Verhaltensmaßregel für

Southeast-Schüler, die in dem fröhlichen Schlachtruf gip-

felte: Ein tapferer Ritter von Southeast steht immer ein

für Wahrheit, Ehre, Freiheit, Aufrichtigkeit und Anstand.

Zu meinem Erstaunen stand dieser Satz - in gotischer

Schrift und mit frischer Farbe - über den Wandgemälden

in der Eingangshalle.

Diese allererste Begegnung mit dem Gebäude meiner

alten Schule signalisierte mir, daß offensichtlich nicht alles,

was man mir auf dem Klassentreffen über die letzten 35

Jahre erzählt hatte, der Wahrheit entsprach.

Weit davon entfernt, eine Müllhalde zu sein, präsentierte

sich unsere alte Aula vielmehr als genauso blitzblank und

ordentlich möbliert, wie ich sie aus meiner Zeit in Erin-

nerung hatte, vielleicht sogar noch einen Hauch gepflegter.

Noch überraschender waren die Schilde an der Wand. Es

war Sitte an unserer Schule. daß jede Abschlußklasse ein

Schild stiftete, auf dem besondere Vorfälle aus ihrer Zeit

eingraviert bzw. aufgemalt waren. Diese Schilde wurden

dann in der Aula aufgehängt. Es hingen nicht nur die

alten Schilde aus unserer Zeit immer noch an ihren Plät-

zen, daneben befand sich auch eine Reihe von 35 neueren

Schilden, jeder von ihnen mindestens genauso kunstvoll

entworfen und liebevoll angefertigt wie unserer. Ich traute

meinen Augen nicht.

Wie ich so die Schilde betrachtete und dabei innerlich

mit mir ins Gericht ging, weil ich unbegründetem Gerede

Glauben geschenkt hatte, hörte ich hinter mir Schritte.

Als ich mich umdrehte, sah ich einen jungen Schwarzen

hereinkommen, der sich ebenso wie ich in dem Raum

umblickte. Ich war jetzt noch neugieriger geworden, wie

denn das Leben an meiner alten Schule heute wohl sein

würde, deswegen ging ich nach ein paar Minuten zu ihm

und fragte ihn, ob er hier zur Schule gehe. Er sagte, nein,

nicht mehr, aber bis zum letzten Jahr; 1988 habe er hier

das Abitur gemacht.

Ich erzählte ihm, daß auch ich an diese Schule gegangen

war und 1954, also vor 35 Jahren, hier mein Abitur gemacht

hatte. Er sah mich voll ungläubigen Staunens an, als könne

er sich ein so lange zurückliegendes Ereignis in Verbin-

dung mit einem leibhaftig vor ihm stehenden Menschen

überhaupt nicht vorstellen. Ich erzählte ihm, wie beein-

druckt und gerührt ich darüber sei, daß die alte Tradition

mit den Schilden bis heute gepflegt werde und daß offen-

bar auch die Bühnenshow Knightlites, die die jeweilige

Abschlußklasse alljährlich auf die Beine stellen mußte,

noch immer veranstaltet wurde, wie ich aus einem Hinweis

am Schwarzen Brett hatte ersehen können. Mein Gegen-

über glackste auf in ungläubigem Staunen. Was? Sie hat-

ten auch Knightlites? fragte er mit einem Gesichtsaus-

druck, als sei er fest davon überzeugt, daß all diese Dinge

von seiner Generation erfunden worden wären. Gewiß,

sagte ich, und das Theaterstück jeden Frühling und auch

die Talent-Shows. Er heiße Andre, sagte er daraufhin.

Andre war über das, was ich ihm erzählte. genauso gerührt

wie ich über das, was ich sah.

Dann gingen wir gemeinsam die Reihe der Schilde ent-

lang. Andre zeigte mir seinen Klassenschild und danach

den meiner eigenen Klasse, den ich bislang trotz ange-

strengten Suchens in dieser Sammlung von über 50 ziem-

lich ähnlich aussehenden Klassenwappen nicht entdeckt

hatte. Ich stellte fest, daß die Dorier - der Malklub, dem

ich seinerzeit angehörte - auf dem Schild der Klasse von

1977 erwähnt waren. Die Dorier gibt es immer noch,

sagte Andre mit sichtlicher Freude. Und es gab auch noch

den Kreuzzügler, den die Schüler übrigens nach wie vor

selbst herstellten und nicht, wie es inzwischen an vielen

High Schools üblich geworden ist, bei einem gewerbsmäßi-

gen Jahrbuchshersteller in Auftrag gaben. Das freute mich

persönlich ganz besonders, denn ich war zu meiner Zeit

im Redaktionsteam unseres Kreuzzüglers. Und wir re-

deten und redeten, und am Ende zeigte mir Andre voller

Stolz seinen Klassenring, indem er seine Hand hochhielt

und die Finger elegant spreizte, so daß ich ihn genau in

Augenschein nehmen konnte.

Mein Hals schmerzte, ich kämpfte mit den Tränen, die

mir immer wieder in meine Augen steigen wollten. Plötz-

lich wurde mir klar, daß Andre und ich ein und derselbe

waren, nämlich untrennbare Bestandteile derselben Sache,

eines Kontinuums, einer Einheit von Geschichte und Tra-

dition. Wirklich und wahrhaftig, ich hätte mir nie zuvor

auch nur in meinen kühnsten Träumen vorgestellt, einen

solchen Moment zu erleben.

Denn, wie Ihr wißt, war unser Jahrgang der letzte, der

noch unter den alten Bedingungen einer gesetzlich vor-

geschriebenen Rassentrennung die Southeast High School

abgeschlossen hat. 1954 war das Jahr von Brown gegen

Board of Education, jener berühmten Grundsatzentschei-

dung des Obersten Gerichts der Vereinigten Staaten, die

die Rassentrennung an den Schulen für verfassungswidrig

erklärte und damit für immer das öffentliche Leben in

unserem Land grundlegend neu definierte - obwohl uns

selbst damals die Tragweite dieser Entscheidung gar nicht

so bewußt geworden ist. Wir aus der weißen Mittelklasse

fürchteten ihre Konsequenzen; und heute gibt es nicht we-

nige unter uns, die der Ansicht sind, daß unsere Angst

seinerzeit wohlbegründet gewesen ist, und die jener Ent-

scheidung vor 35 Jahren die Schuld für die gegenwärtigen

Probleme unseres Bildungswesens, ja für die Übel der gan-

zen amerikanischen Gesellschaft überhaupt in die Schuhe

schieben.

Und da waren wir beide - einst durch Gesetz, bis heute

durch Rasse und in unserem Fall auch durch unser Alter

voneinander getrennt - auf einmal vereint durch eine ge-

meinsame Tradition, die manche wohl als eine kindische

Parodie auf das frühe Mittelalter bezeichnen würden. Ich

ließ mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, und es

gelang mir, die Fassung zu bewahren.

Ein zweiter junger Mann, offenbar ein Freund von An-

dre, betrat die Aula. Andre stellte uns vor und erklärte

auch den Grund meiner Anwesenheit. Der Freund - seinen

Namen habe ich leider wieder vergessen - fand meine

35jährige Beziehung zu seiner Schule ebenfalls äußerst

erstaunlich, ja beinahe nicht zu glauben, als sei ich die

Verkörperung von etwas aus der Antike, wovon er höch-

stens im Geschichtsunterricht einmal gehört hatte. Aber

es war deutlich, daß er - ohne daß er es klar aussprach

- auch deswegen verwirrt war, weil hier ein weißer Mann,

noch dazu ein ziemlich alter, sich an einen Ort vorwagte,

der in den Medien und im Vorortgetratsche im allgemei-

nen als die Inkarnation des Übels unserer Zeit angesehen

wird.

Einer der Schilde aus den siebziger Jahren enthielt den

Hinweis auf den Abschied von Mr. Powell, einem strengen,

aber gütigen Vize-Rektor, der 27 Jahre an der Schule

gearbeitet hatte und an den ich mich noch gut erinnere.

Andre kannte ihn natürlich nicht mehr, aber er bot mir

an, mich dem gegenwärtigen Rektor, Mr. Buckner, vor-

zustellen, der sich ebenfalls gerade in der Schule aufhalte.

Ich wollte natürlich nichts lieber als das, und so führten

mich die beiden zum Rektorzimmer: durch den Hinter-

eingang der Aula, vorbei an den Wartungsgeräten für die

Sommerferien, direkt ins Foyer am Haupteingang- und

da stand er immer noch, unverrückt und blankpoliert wie

in meiner Erinnerung: der große Runde Tisch aus Wal-

nußholz, jenes sakrosankte, handgeschnitzte Symbol für

Gleichheit und Gerechtigkeit, das den Haupteingang ge-

ziert hatte seit den frühesten Tagen unserer Schule. Die

Schulehre gebot es, diesen Tisch niemals zu berühren oder

gar zu beschmieren.

Wieder traute ich meinen Augen nicht. Auf meinem

Klassentreffen wurde kolportiert, der Tisch habe entfernt

werden müssen, um ihn nicht völlig der Zerstörung durch

Vandalismus preiszugeben. Aber dort stand er, schön und

glänzend wie eh und je. Der Runde Tisch ist auch noch

da, bemerkte ich im Vorübergehen. Ja, erwiderte der

junge Mann. Und wir berühren ihn niemals, betonte er

ganz spontan und offensichtlich voller Stolz und Respekt.

Mr. Buckner war in der Schulbibliothek, und als wir den

Gang zur Bibliothek hinuntergingen, kamen wir an einem

großen Glaskasten vorbei, in dem ein lebensgroßer Ritter

in vollem Harnisch ausgestellt war. Andre wies auf ihn

und fragte mich, ob ich wisse, wer das sei. Ich mußte ehr-

licherweise verneinen. Im Halbdunkel des Ganges schien

der Ritter im Glaskasten eine besonders dunkle Hautfarbe

zu haben. Er hätte 1954 schon dagewesen sein können,

aber ich zweifelte daran. Hier ist wohl eine alte Tradition

auf neue Weise fortgesetzt worden, dachte ich mir. Na

und wenn schon! Was ist schon dabei, wenn er dunkler

ist als wir aus der Klasse von 1954? Im wirklichen Feu-

dalismus, so lehrte uns Miss Latshaw im Geschichtsunter-

richt, herrschte ein korrupter weißer Erbadel über eine

verelendete weiße Bauernschaft und beutete sie bis aufs

Blut aus. Im mythologischen Feudalismus des König Artus

kam es jedoch auf Aufrichtigkeit, Entschlossenheit und

Charakterstärke an. Dabei ist die Hautfarbe eines Ritters

so unwichtig und irrelevant wie die Farbe des Gesichts

Gottes.

Schließlich fanden wir Mr. Buckner, und ich sprach mit

ihm länger als eine Stunde über die Sou/heast High School

- Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wir redeten

über das Lernen in den fünfziger Jahren, als es noch keine

Wahlmöglichkeiten in den Fächern gab: Miss Falke be-

stand darauf, daß wir alle die Grammatik zu lernen hatten,

ob uns das behagte oder nicht. Wir sprachen über die

schlimmen Jahre des Niedergangs unseres Bildungswesens

in den sechziger und siebziger Jahren, schlimme Jahre

überall, nicht nur hier an der Southeast. Wir sprachen

über die absolute Talsohle in den achtziger Jahren und

das Aufkeimen neuer Hoffnung, weil es überhaupt nur in

eine Richtung gehen konnte, und das war aufwärts; und

wir spekulierten über die Zukunft unserer Schule als mög-

liche Magnetschule für Gesundheitsberufe und Interna-

tionale Studien.

Ein paar Stunden später, auf dem Flug zurück in den idyl-

lischen Nordwesten, fühlte ich mich nicht länger mehr auf

der Flucht vor meiner alten Schule und all den Häßlich-

keiten und Bedrohungen, die sie vorher für mich symbo-

lisiert hatte. Statt dessen fühlte ich eine neue starke Iden-

tifikation mit ihr und mit allem, was mit ihr verbunden

war und ist; ich spürte ein gemeinsames Band nicht nur

mit Andre und seiner Generation, sondern auch mit ihrer

turbulenten Vergangenheit und ihrer unsicheren Zukunft.

Dieses Gefühl der Verbundenheit erstreckte und erstreckt

sich bis heute nicht nur auf die Gebäude und die Erin-

nerungen, sondern auch auf das, was nach uns dort fort-

gesetzt worden ist, von jeder neuen Klasse auf ihre Art

und Weise, aber immer den Prinzipien von Ritterlichkeit,

Wahrheitsliebe, Ehre, Freiheit und Anstand verpflichtet,

selbst unter den denkbar widrigsten äußeren Umständen.

Es ist ein merkwürdiges, völlig neues und von mir selbst

vorher nie für möglich gehaltenes Gefühl.

Statistiken und Medien sagen uns, daß Gelübde heute

Schall und Rauch seien, frivole Sprüche, nicht erst gemeint

- und in vielen Fällen ist das wohl auch so: nun. um der

Wahrheit die Ehre zu geben, das war auch in den fünfziger

Jahren schon der Fall. Die heutigen Horrormeldungen

über Drogenmißbrauch, Gewalt, schlechte Leistungen und

Disziplinlosigkeit an unseren innerstädtischen Schulen,

aber nicht nur dort, erzeugen eine Art alles durchdrin-

genden Zynismus, der in Wirklichkeit nichts anderes ist

als die Kehrseite einer unerfüllbaren Sehnsucht nach der

Guten Alten Zeit, nach dem imaginären verlorenen Pa-

radies der Nachkriegszeit, als wir Weiße noch die alleini-

gen Herren in unserem Lande waren und unser aller Zu-

kunft ausschließlich rosig war. Das ist traurig, denn

Zynismus kann nur lächerlich machen und verachten. Die

Wahrheit ist jedoch: Die Tradition der Southeast High

School ist auch heute in einer Art und Weise präsent, die

kein Zyniker verstehen kann. Sie hat eine Geschichte, die

von nackten Daten nicht adäquat wiedergegeben werden

kann.

Sicher, die innerstädtischen Schulen werden heute von

einer Reihe riesiger Probleme geplagt, und ich bin kei-

nesfalls so naiv, zu glauben, daß man sie mit ein paar

Symbolen aus der Welt schaffen könnte. Aber nach dem

Besuch meiner alten Southeast High School 1989 sehe ich

viele Dinge völlig anders. Ich habe einen neuen Blick

gewonnen. Ich habe in der Tat neue Hoffnung.

Es duftete bereits nach Blumen. Ihr vom Jahrgang l954,

Ihr solltet hingehen und auch an den Blumen riechen.

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