Düsseldorfer Debatte
11/85 November
Die Wagenburg
O-Ton Neokonservatismus
Charles L. McGehee
In DEBATTE 10/85 erschien ein Brief eines amerikanischen
Neokonservativen an einen jüngeren linken Freund in der BRD, den ich mit
Vergnügen zur Kenntnis genommen habe. Ich finde aber, daß der Autor in
seiner fiktiven Selbstdarstellung eines amerikanischen Neokonservativen nur
eine spezielle Gruppe vorgeführt hat: die Groß-Publizisten aus der
Ostküsten-lntellektuellen-Szene um Commentary und The Public Interest,
wie Irving Kristol, Norman Podhoretz, Peter Drucker, Daniel Bell u.a. Wie aber
ist es mit dem Rest? Der Neokonservatismus ist eine durchaus breite Strömung
unter der gesamten Mittelklasse, den Millionen von Geschäftsleuten,
Angestellten, Journalisten, Lehrern, Sozialarbeitern, öffentlichen Bediensteten
und Universitätsdozenten im ganzen Land, von denen die meisten nie in ihrem
Leben Gelegenheit haben werden, auf einen Berg zu steigen und zu
predigen, d.h. in einer landesweit verbreiteten Zeitschrift veröffentlicht zu
werden. In ihrem Namen habe ich-zu Ihrer und vielleicht Ihrer Leser
Erbauung-eine alternative Version zum Brief eines amerikanischen
Neokonservativen verfaßt:
Weißt Du, wir Ex-Liberalen und heutigen Konservativen sind eigentlich die
angestammten und rechtmäßigen Herrscher der modernen Welt. Wir haben
den Feudalismus zum Untergang gezwungen durch unser Insistieren auf
Teilnahme am politischen Entscheidungsprozeß und dadurch, daß wir das
Leistungsprinzip anstelle des Rechts der Geburt zum Kriterium von
Herrschaftslegitimität gemacht haben. Dabei haben wir auch die
Verantwortung für die Bewahrung der Kultur übernommen.
Natürlich hatten wir dieselbe Furcht vor den Massen wie die Aristokratie.
Wir wußten, daß politische Entrechtung und zu großes Elend am Ende unseren
Untergang bedeuten könnte. Außerdem wußten wir, daß wirtschaftliches
Wachstum unerläßliche Bedingung unseres Wohlergehens war (ist), und daß
auf lange Sicht dieses wirtschaftliche Wachstum nur möglich sein würde,
wenn eine genügend große und qualifizierte Bevölkerung vorhanden wäre, die
unsere Technologie entwickeln, unsere Firmen managen und unsere Ideen
verschlingen könnte. Einer unser berühmtesten Landsleute, Henry Ford, hat
seinerzeit, als er nach den Gründen für die Einführung der 40-Stundenwoche
und des 5-Dollar-Tageslohns in seinen Fabriken gefragt wurde, nur
festgestellt, daß es schließlich auch seine eigenen Arbeiter seien, die
Ford-Autos kauften. Der Parkplatz vor dem Fabrikgelände war Beweis genug.
Kein System kann wachsen, wenn seine Mitglieder von der vollständigen
aktiven Teilnahme am Wirtschaftsprozeß ausgeschlossen werden.
Aus diesen Uberlegungen heraus unterstützten, ja regten wir in diesem
Jahrhundert die Reformen der dreißiger und sechziger Jahre an. Schwarze,
Arme, Homosexuelle, Frauen: sie alle hatten Geld zum Ausgben und Ideen
beizutragen, von denen wir der Meinung waren, daß sie allen zugänglich ge-
macht werden sollten. Wir konnten es uns einfach nicht leisten, ihnen nicht
zu helfen. Es war eine Sache der geschäftlichen Vernunft.
Die Intellektuellen unter uns fanden auch ihren Markt bei den Entrechte-
ten und Unwissenden. Der einfachste Weg zu einem Publikum-nichts ist
wichtiger für Intellektuelle-ist der Zugang zu einem Klassenraum oder
Hörsaal. Die Expansion der Universitäten nach dem Zweiten Weltkrieg
war nicht unmittelbar ein Service für die zurückkehrenden Kriegsveteranen
(sie begann überhaupt erst in den fünfziger Jahren), sondern sie war das Re-
sultat der zuvor stattgefundenen akademischen Ausbildung vieler Vetera-
nen, die nun nach Betätigungsfeldern suchten: erst das öffnete die Tore der
bis dato restriktiven höheren Bildungsinstitutionen für die Massen.
Das Resultat von alledem war natürlich das, was wir auch immer in unse-
ren Verlautbarungen so gewollt hatten: die Armen erlangten in der Tat eini-
gen Einfluß auf die Sozialpolitik, von der sie betroffen waren, insbesondere
auf dem Weg über die Gerichte; angeklagte Kriminelle bekamen erhebliche
Möglichkeiten, der Staatsgewalt Paroli zu bieten; die gesetzlichen Barrie-
ren gegenüber Homosexualität und ähnlichen Dingen fielen eine nach der
anderen, gleichsam wie in einem Liberalisierungsrausch, und das gleiche
galt für die Geschlechterschranken. Die Rassenzugehörigkeit wurde weit-
gehend irrelevant im öffentlichen Leben, zumindest auf der Gesetzesebene.
Die Massen hatten-kurz gesagt-ein höheres Maß an praktischer Frei-
heit erlangt als je zuvor in unserer Geschichte.
Unser Bild von einer Welt, in der die Massen befreit wären, war aller-
dings ziemlich schmalspurig. Wir waren der Meinung, daß man eine Gesell-
schaft einfach dadurch reformieren kann, daß man das bereitstellt, woran
es im Moment gerade mangelt. Sind die Leute arm, geben wir ihnen doch
Geld! Haben sie kein Stimmrecht, geben wir ihnen das Stimmrecht! Sind sie
Gefangene ihrer Vorurteile in sexuellen Dingen, zerstören wir die Vorurtei-
le! Sind die Leute frustriert von der staatlichen Bürokratie, sorgen wir da-
für, daß die staatliche Bürokratie freundlich und hilfsbereit wird!
Natürlich hätten wir wissen müssen, daß alle Dinge dieser Welt-und
auch alle Problemlösungen-die Keime ihres Untergangs in sich tragen.
Probleme existieren in der realen Welt, und Problemlösungen müssen der
realen Welt angemessen sein. Wenn man die Wurzeln der ersten nicht er-
kennt, kann man sicher sein, daß die zweiten die Sache nur schlimmer ma-
chen. Was wir herausfanden, war natürlich, daß Leute nicht einfach da-
durch, daß man ihnen Geld gab, aufhörten, arm zu sein. Statt dessen
wollten sie immer mehr und entfremdeten sich dadurch diejenigen, die in
den Institutionen dafür arbeiteten, daß die Armen überhaupt Geld beka-
men. Einfach Leuten das Stimmrecht zu geben, die weder wissen, wofür,
noch für wen sie wählen sollen bzw. dies nach Lust und Laune oder nach ih-
rem leicht manipulierbaren Gefühl entscheiden, führt allein in eine Krise
der Regierbarkeit. Im Namen des Prinzips der persönlichen Freiheit davon
abzuhalten, sich in die Angelegenheiten gesellschaftlicher Außenseiter ein-
zumischen, ist gleichbedeutend mit einer Lizens für derartige Elemente, die
Gesellschaft für ihre Bedürfnisse auszubeuten. Und die Befreiung des Se-
xuellen von allen gesellschaftlichen Schranken, als ob alle individuellen
menschlichen Probleme allein gesellschaftlich verursacht wären, bewirkt
nicht nur eine verzehrende sexuelle Besessenheit zum Nachteil aller anderen
Formen menschlicher Beziehungen, sondern kann--wie es bereits gesche-
hen ist--tödlichste Seuchen auslösen.
Ist es denn somit ein Wunder, daß unser selbstauferlegter Sinn für so-
ziale Verantwortung mit der Zeit einer Verachtung für die Massen gewi-
chen ist? Warum haben sie uns das angetan? Warum waren sie uns gegen-
über so wenig dankbar? Warum waren sie nicht ebenso verantwortungsbe-
wußt wie wir? Sei's drum, zur Hölle mit ihnen!
Beim Versuch, das Amerika der Nachkriegszeit zu erklären, wird häufig
viel hergemacht von den Intellektuellen, vor allem den jüdischen Emigran-
ten aus Europa. Meiner Ansicht nach haben sie überhaupt nichts bewirkt,
sondern ihr Schicksal spiegelt nur die Bedingungen wider, die zu jener Zeit
herrschten.
Unser Flirt mit dem Marxismus von kurz vor bis kurz nach dem Zweiten
Weltkrieg ging zwar mitunter ziemlich weit, hatte aber in Wirklichkeit herz-
lich wenig zu tun mit der Arbeiterklasse, für die wir Partei ergriffen. Um es
offen zu sagen: wir hatten Angst vor ihr, denn sie hatten bei ihrem Kampf
für soziale Gerechtigkeit nichts zu verlieren, wir dagegen eine Menge, falls
sie wirklich so etwas wie soziale Gerechtigkeit durchsetzen sollten. Den-
noch hielten wir weiter unsere linken Positionen, obwohl die existieren-
den Vorbilder für eine gerechtere Gesellschaft fragwürdig waren. Leo
Trotzki war die Verkörperung der Widersprüche im Sowjetmarxismus,
aber das Problem lösten wir für uns, indem wir entweder für die eine oder
andere Seite Partei ergriffen. Die Berliner Blockade verunsicherte viele von
uns, genau wie der Korea-Krieg, der 17. Juni in Ost-Berlin und der Ungarn-
Aufstand. Aber es waren schließlich die offiziellen Enthüllungen über Sta-
lin, die vollends unserem sowjetfreundlichen, marxistischen Idealismus ein
Ende machten.
Mit dem wachsenden militärisch-industriellen Komplex ließ sich leichter
leben, als man denkt. Ganz abgesehen von unserer sowieso wachsenden
Desillusionierung über mögliche marxistische Alternativen bot der militä-
risch-industrielle Komplex gute Möglichkeiten für den schnellen berufli-
chen und gesellschaftlichen Aufstieg. Er hegte einen unstillbaren Appetit
auf Intellektuelle und verfügte über ungeheure Geldmittel für Forschung
und Entwicklung. Es war eine Periode des Wachstums, und über Wachs-
tum mußt Du eins wissen: es hat seine eigene Dynamik. Wenn die Dinge im
Wachstum begriffen sind, glaubt man, daß alles möglich sei. Wir glaubten
uns in Kontrolle. Wir waren ganz oben. Wir konnten gar nichts falsch ma-
chen. Endlich hatten wir den uns zustehenden Platz auf dem Thron der
Welt eingenommen!
Ähnliches galt für unsere Kollegen und Generationsgenossen an den Uni-
versitäten und ähnlichen Einrichtungen. Ihre Studenten waren bald den er-
sten Anzeichen des Stresses einer Wachstumsgesellschaft ausgesetzt, in der
die Bedingungen, die im Augenblick Wachstum möglich machen, für die
Nachwachsenden gerade die Probleme schaffen. Die Studenten wurden in
ihrer Einstellung zur Gesellschaft kritisch, und wir bestärkten sie noch
darin. Auch wir profitierten vom Wachstum: Geld war vorhanden, Ideen waren
vorhanden und vor allem: Massen von Studenten waren vorhanden Während
dieser Zeiten war es, daß Bürgerrechte, Armut und die anderen
Mobilisierungsparolen, die ich oben erwähnt habe, aufkamen.
Habermas hat unseren Neokonservatismus mit einem Netz verglichen,
und Unger (in DEBATTE 10/85) hat ihn vorgestellt als einen Berg auf den wir
uns zurückziehen und gelegentlich predigen. Ich glaube, eine bessere
Metapher wäre eine aus unseren Pioniertagen: wenn die Pioniere auf ihren
Trecks nach Westen die Gefahr eines bevorstehenden Indianeran griffs
wähnten, bildeten sie mit ihren Planwagen einen Kreis. Unser Neo-
konservatismus ist etwas Dementsprechendes: Er ist eine Wagenburg, ent-
sprechend dem Charakter unserer modernen Zeiten zusätzlich ausgestattet mit
einem transistorverstärkten Megaphon, mit dem wir in periodischen
Abständen unsere warnenden Mitteilungen hinausposaunen. Bei dem
Versuch, unseren Platz an der Sonne dadurch sicherzustellen, daß wir die
Massen, die wir fürchten, besänftigen, haben wir statt dessen ein Monster
erzeugt. Zu Hause sind uns die Massen außer Kontrolle geraten, und im
internationalen Bereich sind unsere Freunde weniger freundlich und unsere
Feinde mindestens ebenso stark wie wir geworden. Unsere Ozeane können uns
nicht länger beschützen, unsere Ressourcen sind knapper geworden, so daß
wir heute von Leuten abhängig sind, auf die wir ehemals gespuckt haben;
unsere Politik, eine Welt zu schaffen, in der die Völker auf eigenen Füßen
stehen und sich selbst versorgen, ist heute in einem Maße verwirklicht, daß
wir als Versorger und Anbieter nicht mehr gefragt sind.
Kurz: wir haben Angst. Unsere alten Gesellschaftstheorien funktionieren
nicht oder produzieren das Chaos, und wir trauen uns nicht, neue
auszuprobieren. Da wir nicht genau wissen, warum sie versagten, können wir
nur annehmen, daß die Leute, denen wir helfen wollten, selbst irgendwelche
prinzipiellen Mängel haben. Wir idealisieren die Vergangenheit und kommen zu
dem Schluß, daß die guten alten Methoden zwar nicht die besten gewesen sein
mögen, daß sie aber wenigstens auf ihre Weise funktionierten. Daher scheint
die Parole Back to basics unter den gegebenen Umständen nicht die
schlechteste zu sein. Ehrlich gesagt ist uns selbst nicht ganz wohl bei dieser
Gute-alte-Zeit-Metaphorik. Wir wissen sehr wohl, daß so, wie es früher
gemacht wurde, auch genügend Probleme in die Welt gesetzt wurden. Aber
wie die Dinge nun stehen, ziehen wir bekannte Gefahren den unsicheren
Hoffnungen vor. Unser einziges Ziel im Augenblick ist es, die Dinge auf die
Reihe zu bekommen...
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