Aus:
Wilhelm Brinkmann & Michael-Sebastian Honig (Hrsg.), Kinderschutz als sozialpolitische
Praxis: Hilfe, Schutz und Kontrolle. Kösel Verlag München, 1984. S. 178-197.
Das Kinderschutzzentrum München. Ein Erfahrungsberericht
CHARLES L. McGEHEE
Geschichte und Tätigkeiten des Kinderschutzzentrum
München
Im Jahre 1972 beschloß der Münchner Ortsverband des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB), sein Programm auf Familienberatung umzustellen. Mit Hilfe des Deutschen Jugendinstituts wurde ein Plan vorbereitet, den man 1977 der Stadt München vorlegte, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. 1978 wurden Gelder für Räume und einen hauptamtlichen Mitarbeiter bewilligt.
Zu Beginn hieß das Projekt Beratungsstelle für Kinderschutzarbeit; später wurde es in Kinderschutzzentrum München (KSZ München) umbenannt, um Identität mit dem Berliner Zentrum herzustellen. Es sollte sich mit der Dunkelziffer, d. h. mit den ungemeldeten und deswegen unbekannten Kindesmißhandlungsfällen, befassen. Die Arbeit begann mit der Annahme, daß eine Steigerung der den Behörden gemeldeten Kindesmißhandlungsfälle lediglich zu folgendem führen würde: 1. Die Isolierung der bereits isolierten Familien würde sich verschlimmern; 2. vor Nachbarn oder anderen Familienmitgliedern würden Kindesvernachlässigung oder -mißhandlung noch stärker verborgen werden als zuvor; 3. die betroffenen Kinder würden durch zusätzliche wirtschaftliche und soziale Probleme noch mehr zu leiden haben: teils durch die Bestrafung der mißhandelnden Eltern, teils durch die Unterbringung des Kindes in einem Heim. Wenn Familien den Behörden gemeldet wurden, sollte das KSZ München nicht den staatlichen Eingriff ersetzen. Aber es war seine spezifische Aufgabe, Familien eine Alternative zur staatlichen Intervention zu bieten. Aus diesem Grund hat die Gruppe absichtlich Abstand von den Behörden genommen.
Im Unterschied zum weit verbreiteten psychodynamischen Modell der Kindesmißhandlung, das die Ursachen in einer Pathologie der Eltern sieht und dagegen die Inhaftierung der Eltern und die Entfernung der Kinder aus der Familie empfiehlt, ging die Beratungsstelle von dem Prinzip aus, daß Kindesmißhandlung eine Folge des sozialen Wandels im Alltagsleben sei. Infolgedessen war Hilfe statt Kriminalisierung das, was Eltern brauchten, um mit dem Leben fertig zu werden. Die Theorie beruht hauptsächlich auf Forschungen des Deutschen Jugendinstituts zum Alltagsleben der kleinen Leute (vgl. Honig 1979; Wahl u. a. 1980).
Das Kinderschutzzentrum ist mit Absicht in die Innenstadt und dort in einen Altbau gelegt worden und in die Nähe öffentlicher Verkehrsmittel, um den Kontakt zu der betroffenen Bevölkerung zu erleichtern. Die meisten Klienten des KSZ München gehören der Arbeiterschicht an. Das Zentrum hat nur ein kleines Team bezahlter, professioneller Mitarbeiter, verläßt sich aber in hohem Maße auf freiwillige Laienhelfer, die durch Zeitungsannoncen angeworben wurden. Die Hauptqualifikationen dieser Laienhelfer sind persönliche Erfahrungen mit Kindesmißhandlung und, wenn möglich, Erfahrungen in Familien- oder persönlicher Beratung. Ferner prüft man Bewerber, um sicher zu sein, daß sie gut mit anderen Menschen zusammenarbeiten können (zu den Kriterien der Auswahl von Laienhelfern vgl. HoniglLeube 1979, S. 129).
Durch Anzeigen wird man aufgefordert, das Zentrum anzurufen und Rat zu suchen, wenn man selbst Probleme mit Kindererziehung hat, oder andere zu melden, die diesbezüglich Schwierigkeiten haben. Anonymität wird zugesichert. Das Programm befaßt sich mit folgenden Tätigkeiten:
1. Telefonische Beratung,
2. Krisenintervention und Beratung in der Familie,
3. praktische Hilfe im Haushalt und bei der Kindererziehung,
4. Beratung im Zentrum und langfristige Familientherapie,
5. Fortbildung für das Personal des Zentrums und für außenstehende Gruppen.
Das leitende organisatorische Prinzip des Zentrums ist das eines interdisziplinären Teams. Das Team besteht aus Personal, das auf den Fachgebieten Soziologie, Psychologie und Pädagogik ausgebildet ist. Es sind aber weder Mediziner noch behördliche Sozialarbeiter direkt daran beteiligt. Dies scheint weniger mit dem Konzept selbst zu tun zu haben als mit den allgemeinen Schwierigkeiten, die man erfährt, wenn man mit diesen Berufsgruppen arbeiten will.
1979 (d. h. im zweiten Jahr seines Bestehens) leistete das Zentrum 7500 kurze Telefonkontakte, und 1000 längere telefonische Beratungen mit Klienten und 1250 Einsätze von Familienhelfern. Im Laufe des Jahres vermittelte es 66 Familien intensive Beratung.
1980 wurden insgesamt 415 Fälle bearbeitet. Es handelte sich hauptsächlich um Eltern mit verschiedenen Problemen, z. B. Nachbarn, die Mißhandlungen meldeten, oder um Mitarbeiter von anderen Einrichtungen, die bei der Mißhandlungsproblematik Unterstützung suchten. Davon wurden 70 Klientenfamilien aus dem Jahre davor übernommen, 345 Fälle waren neu; 344 Beratungen/Therapien ließen sich während des Jahres abschließen. Dabei ging es um 614 Kinder, 296 Jungen und 318 Mädchen (0-5 Jahre, 238; 6-10, 179; 11-14, 136; über 15, 61). Eltern, Jugendliche, Kinder oder andere Familienmitglieder aus insgesamt 276 Familien wurden während des Jahres 1980 persönlich oder telefonisch beraten. In 185 Fällen handelte es sich dabei um Gespräche im Rahmen von Kurzberatungen. 91 Familien betreute das Kinderschutzzentrum langfristig und intensiv (mehr als 8 Kontakte), d. h. also eine Steigerung um fast 50% im Vergleich zum Jahr zuvor.
Im Jahre 1981 vergrößerte sich das Team auf sechs Fachkräfte, drei Praktikanten und eine Verwaltungskraft. Auf Honorarbasis stehen dem Zentrum auch ärztliche und juristische Berater zur Verfügung.
Die Wartezeit bei anamnestischen Gesprächen, Erziehungsberatungen und Therapien liegt zwischen einer und acht Wochen, jedoch erfolgen telefonische, spontane Beratungen und Kriseninterventionen ohne Wartezeit.
Im Jahre 1980 wurden Fälle von folgenden Personen oder Einrichtungen gemeldet:
Eltern 43%
Kinder und Jugendliche 3%
Verwandte 5%
Bekannte, Nachbarn 27%
Algemeiner Sozialdienst 7%
Ärzte, Kliniken 4%
Schulen, Kindergärten,
heilpädagogische Einrichtungen 5%
Sonstige Institutionen 6%
100%
Dabei wurden folgende Probleme genannt: Erziehungsschwierigkeiten der Eltern;
Verhaltensauffälligkeiten/Verhaltensstörungen des Kindes im sozialen, emotionalen oder
körperlichen Bereich; Probleme der Eltern im emotionalen Bereich (Ängste, Schlafstörungen,
Selbstmordgedanken, Todesdrohungen, Ablehnung des Kindes); Schuldgefühle gegenüber dem
Kind; gewaltmäßig ausgetragene Familienkonflikte; psycho-soziale Uberforderung der Eltern
(hervorgerufen durch schwierige Kinder, soziale Isolation, Beziehungsschwierigkeiten der Eltern,
Probleme mit Geld, Wohnung, Arbeit, Nachbarschaft); Sorgerechtsfragen; oder allgemeine
Erziehungsfragen.
Klientenberatung
Zum Bereich der Klientenberatung gehören eine Reihe von verschiedenen Tätigkeiten, die sich aus den speziellen Problemsituationen und der sozialen Lage der Klientenfamilien ergeben. Diese sind:
a) Im Notfall die sofortige Krisenintervention (Beispiel: Ich bleibe bei Ihnen, bis die Kinder schlafen, wenn Sie wirklich Angst haben, daß Sie ihnen sonst heute noch was antun.) mit darauffolgender Klärung der Situation
b) Anamnese- und Diagnosegespräche, entwicklungsorientierte Einzelberatung und Familientherapie
c) Langfristige Begleitung der Eltern durch einen Familienhelfer
d) Das Angebot, bei weiterem Bedarf als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen
e) Verweis an andere soziale Einrichtungen oder Vermittlung von Kontakt in der Nachbarschaft der Familie, aber auch Notunterbringung von Kindern
f) Zugang zu Familien
Bei fremdgemeldeten Familien gibt es ein Zugangsproblem. Um dem zu begegnen, müssen die Familien aufgesucht werden, auch wenn häufig niemand angetroffen wird. Diese schwierigen ersten Kontakte zu den Familien werden von den hauptamtlichen Mitarbeitern aufgenommen. Oft stehen die Familien jedem Ansinnen von außen, ihnen helfen zu wollen, zunächst sehr ablehnend gegenüber, und es erfordert einen hohen Aufwand an Zeit, Bemühung und auch Erfahrung, um ihnen das Hilfsangebot nahezubringen und die Angst zu nehmen.
g)Anamnesen
In allen Erstgesprächen mit Familienangehörigen, bei denen es speziell um eine Gewaltproblematik geht, ist es notwendig abzuklären, ob es sich bei der betreffenden Familie um ein Mißhandlungssyndrom handelt oder nicht (vgl. Abelmann in diesem Band, S. 149). Speziell muß geklärt werden, an welchem Problembereich ein Hilfsangebot am wirksamsten ansetzt. Hierdurch wird auch herausgefunden, welche zusätzlichen Hilfen heilpädagogischer, psychiatrischer oder medizinischer Art für Kinder oder Eltern nötig sind.
h) Telefonische Beratung
Das Angebot der telefonischen Erreichbarkeit der Mitarbeiter des Kinderschutzzentrums wird von verschiedenen Familienmitgliedern aller oben angeführten Familien besonders in Krisenzeiten in Anspruch genommen. Außerdem halten die Mitarbeiter von sich aus regelmäßigen telefonischen Kontakt mit den intensiv betreuten Familien mit hohem Gewaltrisiko. Diese telefonischen Beratungen dauern häufig 30 bis 90 Minuten. Des weiteren rufen die Eltern und Kinder, die anonym bleiben wollen, häufig über einen längeren Zeitraum hinweg an, um sich auszusprechen und Rat zu holen.
Es folgen einige Beispiele der Art von Problemen, die behandelt :
Soll, kann, darf ich mein behindertes Kind ins Heim geben, ich schaffe es einfach nicht mehr! Bin ich dann eine schlechte Mutter?
Wer kann mir helfen, daB ich mein Megekind, das ab der zweiten Lebenswoche bei mir war, nicht zu den Eltern geben muB, die jetzt nach
Jahren Nervenklinik entlassen wurden und das Sorgerecht wiedererhalten haben
Es ist Freitag vormittag und ich habe nur 70 Pfennig. Mein Mann gibt mir kein Geld - was soll ich machen, die Kinder haben Hunger!
Seitdem eine Broschüre, die die MiBhandlungsproblematik direkt anspricht, verteilt wird, kommen zunehmend mehr Klienten (oft anfangs anonym) mit Problemen folgender Ar
Meine 2 jährige Tochter ist einfach böse, ich schlage sie mit dem Kochlöffel, sperre sie in ihr Zimmer ein, aber es nützt alles nichts. Gibt es Kinder, die einfach böse sind? Was soll ich tun, ich will sie nicht dauernd schlagen
Bevor dieses Kind da war, war mein Leben ganz anders. Es hat alles kaputt gemacht, meine Figur, meinen Beruf, ich bin seither so depressiv - wenn dieses Kind nicht da wäre .... Ich kriege dann so eine Wut - und wenn ich dann die dünnen Glieder sehe... .
Ich kann einfach nicht mehr, mein Mann schlägt mich, die Kinder nerven mich ... .
Ich weiß nicht, woher es kommt, ich schreie den ganzen Tag, der Kleine hat auch schon Schreianfalle im Kindergarten ....
Ich trau' mich nicht nach Hause, mein Vater hat mich heute nachmittag mit dem Gürtel geschlagen - und jetzt der blaue Brief... .
i) Einzelberatung und Familienberatung
Bei über 200 Familien fanden 1980 persönliche Beratungsgespräche statt, an denen häufig mehrere Familienmitglieder oder auch andere Bezugspersonen der Familien teilnahmen. Je nach der Lage der familiären Probleme fanden diese Gespräche in der Beratungsstelle, bei den Familien oder in einer anderen Institution statt. Dazu folgendes Beispiel für eine solche Krise und deren Bewältigung.
Eine Mutter, Frau B.. wandte sich in einer nächtlichen Krisen-Situation an den telefonischen Notdienst des Kinderschutzzentrums:
Ich habe Angst, daß ich meinem Baby etwas antue. Mein Mann hat mich wieder geschlagen; das Baby schreit jede Nacht durch, und das seit fünf Monaten. Ich kann das nicht mehr aushalten.
In einem l stündigen Telefongespräch konnte eine Mitarbeiterin Frau B. so weit unterstützen, daß sie sich beruhigen und die Nacht durchhalten
konnte. Am folgenden Tag wurde bei einem Hausbesuch mit den Eltem die
Problemlage besprochen, durch die es zu der Krise gekommen war. Es stellte sich heraus, daß Frau B. dringend Entlastung und Erholung von ihrem Baby brauchte. Die Beratenn unterstützte Frau B. dabei, fOr die nächsten zwei Wochen eine nächtliche Notunterbringung des Babys bei Freunden zu organisieren. Weitere Beratungen zu Hause und im Kinderschutzzentrum befaßten sich mit folgenden Problemen: die anstehende Scheidung der Eltern, Streitigkeiten mit der Schwiegermutter, die physische und psychische Uberlastung der Mutter, die speziellen Schwierigkeiten mit den Kindern. Nach zwei Wochen war Frau s. so weit stabilisiert, daß sie das Baby wieder ganz selbst betreuen konnte. Die Beratung wurde noch fortgesetzt.
j) Beratungsgespräche mit Kindern
In einzelnen Fällen werden Kinder beraten, die sich selbständig an die Beratungsstelle gewandt haben oder mit denen ihre Wünsche in bezug auf ihre weitere Perspektive geklärt werden müssen, besonders, wenn es darum geht, daß ein Kind von zu Hause weg soll und auch will.
k) Psychotherapien
1980 wurden häufig Einzeltherapiesitzungen eines Elternteils durchgeführt. 36 Familien nahmen an Familientherapie teil (teilweise auch an Paartherapie oder an Therapie der Eltern mit dem Problemkind, ohne die anderen Kinder).
1) Sozialdienste
Um besonderen Problemlagen und psychischen Strukturen gerecht zu werden, werden in vielen Fällen Unterstützungsmaßnahmen ausfindig gemacht, vermittelt oder eingeleitet. Es handelt sich hier um die Organisation lebenspraktischer Hilfen in den Bereichen: Wohnung, Arbeit, Schule, Krankheit, Schulden, Kriminalität, soziale Aktivität. Diese Kontakte erfolgen überwiegend fernmündlich und sind sehr zeitintensiv, besonders bei stark isolierten und randständigen Familien. Mit Familien aus den unteren sozialen Schichten, die schlechte Erfahrungen mit sozialen Institutionen gemacht haben und von Kriminalisierung und Stigmatisierung bedroht sind, ist nur auf diese Art und Weise eine längerfristige erziehungsberaterische und therapeutische Arbeit möglich.
m) Familienhelfer
Im Sommer 1980 wurden neue Familienhelfer angeworben, um die bestehenden Gruppen zu ergänzen. Insgesamt wurden während des Jahres 48 Familien von Familienhelfern betreut, was einen Arbeitsaufwand von über 11000 Stunden ergab. Die Stundenzahl setzt sich zusammen aus mit der Familie verbrachter Zeit, Fahrzeit, Telefonzeit, Ausbildung und Supervision.
Es hat sich bewährt, Laienhelfer auszubilden, die schon eine pädagogische Ausbildung besitzen undloder eigene Lebenspraxis mit Kindern vorweisen können. Mitarbeiter, die selbst durch gewaltsame Familienkrisen gegangen sind und diese zu einem gewissen Abschluß gebracht haben, bringen den betreuten Familien in der Regel eine große Sensibilität und Bescheidenheit entgegen. In Verbindung mit weiterer Ausbildung kann sich ein langfristiger intensiver Kontakt ohne moralische Verurteilung oder Enttäuschung entwickeln. Dieser Prozeß der Professionalisierung von Laien wird durch eine symbolische Bezahlung von DM 5,- pro in der Familie verbrachter Stunde anerkannt.
Die grundlegende Voraussetzung für einen Laienhelfer ist die Bereitschaft, mit den
mißhandelnden Eltern eine unterstützende Beziehung einzugehen. Auf dieser Basis von Vertrauen
und Zuverlässigkeit können die Eltern eigene Wege herausfinden, um ihre Krise zu bewältigen.
Die Beziehung zwischen dem Laienhelfer und der Familie muß solange bestehen, bis nicht nur die
aktuelle Notlage der Familie behoben ist, sondern die Eltern auch ein funktionierendes
Unterstützungssystem durch andere gefunden haben, seien es Freunde oder Institutionen.
Familie R. wurde langfristig von einer Familienhelferin betreut. Bei Beginn des Beratungskontaktes lebten die Eltern mit ihren drei kleinen Kindern (ein, zwei und vier Jahre) in einer Notunterkunft auf engstem Raum. Durch Arbeitslosigkeit war die finanzielle Situation äußerst drückend. Unterstützung durch Freunde, Nachbarn oder Verwandte fehlte völlig. Beide Eltern waren sehr jung und fOhlten sich mit drei Kleinkindern Überfordert. Diese wurden vernachlässigt und zeigten Mißhandlungsspuren. Die wichtigste Aufgabe der Familienhelferin war, ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern zu schaffen, sich um sie zu sorgen und ihnen viel Zuwendung und Anerkennung zu geben - Qualitäten, die beide in ihrer Kindheit nicht erfahren hatten und deshalb auch nicht an ihre Kinder weitergeben konnten.
Die Familienhelferin half den Eltern bei der Wohnungssuche, bei Arztbesuchen, sowie bei der
Suche nach Plätzen für die Kinder in einem heilpädagogischen Kindergarten. Inzwischen ist die
soziale Situation der Familie wesentlich verbessert und die Eltern fühlen sich jetzt eher in der
Lage, mit ihren Kindern umzugehen.
n) Kooperation
Bei den Familien, in denen auch andere Institutionen tätig sind, ergibt sich häufig eine
Zusammenarbeit mit den Kollegen (speziell mit dem Allgemeinen Sozialdienst [ASD] und
heilpädagogischen Einrichtungen), die notwendigerweise koordiniert werden muß, zum mit
regelmäßigen Koordinationstreffen (Helferkonferenzen).
Die Sozialarbeiterin einer Kinderklinik wandte sich an das Kinderschutzzentrum wegen einer
Familie, in der ein Kind mit Verletzungen im Krankenhaus lag, die möglicherweise durch
Mißhandlungen hervorgerufen worden waren. Nach einem ausführlichen Gespräch über die
bestmögliche Hilfe für diese Familie ergab sich die Absprache zu einer Kooperation. Die Eltern
erklärten sich bereit, das Kind freiwillig nach dem Krankenhausaufenthalt für einige Wochen zur
Großmutter zu schicken. In der Zwischenzeit wollten sie mit den restlichen Kindern an einer
Familientherapie im Kinderschutzzentrum teilnehmen. Nach einigen Sitzungen erfuhren die
Mitarbeiter, daß schon ein Erziehungsbeistand für ein Kind bestellt war und die Familie Kontakt
zu einer Sozialarbeiterin des ASD hatte. Zur Klärung der Perspektive für die Familie und zur
Koordination der Hilfsangebote wurde vom Kinderschutzzentrum eine regelmäBige Kontaktrunde
eingerichtet, bei der sich die Kollegen gegenseitig in ihren schwierigen Arbeiten unterstützten,
auch wenn einer der Helfer zu resignieren drohte. Durch die Zusammenarbeit der helfenden
Institutionen wurde der StreB der Familie wesentlich vermindert, so daB diese unter anderem von
sich aus in einer Uberlastungssituation ein aktuell gefahrdetes Kind zur Kurzunterbringung (obne
Symptome) in der Klinik abgab. Die Klinikärzte kooperierten unbürokratisch.
O) Melderberatung
Insgesamt wurden 207 Fälle von vermuteter Kindesmißhandlung oder Vernachlässigung im Jahre
1980 dem Kinderschutzzentrum gemeldet. Darunter waren 138 von Privatpersonen und 69 von
Institutionen. In ausführlichen Beratungsgesprächen wird herausgefunden, welche beobachteten
Fakten und psychologischen Verarbeitungen hinter den Äußerungen des Melders stehen, ob es
sich um ein anderes Problem, z. B. einen Nachbarschafts- oder Sorgerechtsstreit handelt, oder ob
ein begründeter Verdacht auf Kindesmißhandlung oder Vernachlässigung vorliegt. Weiterhin muß
in diesen Gesprächen entschieden werden, ob das Kinderschutzzentrum den Fall übernimmt, oder
ob es dem Melder bzw. der meldenden Institution Beratung, Supervision oder Kooperation
anbietet. Im letzten Fall ergeben sich daraus oft mehrmalige Beratungskontakte mit dem
Kollegen/der Kollegin über die Familie.
Öffentlichkeitsarbeit
Eine Erziehungsberatungsstelle mit dem Schwerpunkt gewalttätige Familien benötigt eine
spezielle Öffentlichkeitsarbeit: einerseits, um die Klienten zu erreichen, andererseits, um mit
anderen psychosozialen Einrichtungen in Kooperation zu treten. Informationsschriften und
Faltblätter, Plakationen, Rundfunkund Fernsehsendungen des Bayerischen Rundfunks sowie
Berichte über das Angebot des Kinderschutzzentrums in der Münchener Tagespresse sollen
bewirken, daß die Zielgruppe erreicht wird. Speziell besucht werden die Sozialpsychiatrischen
Dienste, der Verein Kinderschutz- und Mutterschutz, das Bundeswehr-Sozialwerk, Pro Familia
und das Heilpädagogische Zentrum, Bezirksräte der politischen Parteien usw.
Öffentlichkeitsarbeit beim ASD wird innerhalb der konkreten Kooperation geleistet.
Referententätigkeit wird u. a. für die Aktion Jugendschutz Bayern zur Fortbildung von
Sozialarbeitern aus Ämtern, für das Bayerische Sozialministerium und für die
Stiftungsfachhochschule für Sozialwesen geleistet.
Zusammenarbeit mit anderen Institutionen
Eine Zusammenarbeit erfolgt hauptsächlich mit dem Stadtjugendamt, dem Allgemeinen
Sozialdienst, der Universitätskinderklinik, dem Heilpädagogischen Zentrum, der
Jugendberatungsstelle Maria-Hilf-Platz, der kinderpsychiatrischen Heckscher-Klinik, den
Sozialpsychiatrischen Diensten, dem Amt für Wohnungswesen, dem Deutschen Jugendinstitut und
dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV). Der Besuch der Kontaktrunde der
Münchener Erziehungsberatungsstellen wird ergänzt durch Gespräche mit Fachkollegen über die
Angebote des Kinderschutzzentrums. Des weiteren wird die regelmäßige Kontaktrunde besucht,
zu der Klinikkinderärzte, Jugerdamt, Polizei, Familiengericht, ASD, Mütterberatung,
Kliniksozialarbeit und viele andere Institutionen, die mit Kindesmißhandlungen zu haben,
regelmäßig Vertreter entsenden.
Organisationsproblematik eines bevölkerungsnahen Kinderschutzzentrums in Deutschland
Das KSZ München ist zweifellos ein Hauptelement in der Entwicklung eines neuen Kinderschutzes in Deutschland. Mir wurde jedoch gesagt, daß man seinen Erfolg und seine Tätigkeit nicht überschätzen solle. Es ist im Grunde genommen eine lebendige, sich weiterentwickelnde Aktivität, und als solche wird es zwangsläuf~g verschiedene Entwicklungsprobleme erleben. Je besser man solche Schwierigkeiten versteht, desto besser wird die Zukunft für diese und ähnliche Organisationen aussehen.
In Deutschland gibt es einige spezielle Schwierigkeiten, denen sich solche Organisationen gegenübersehen, welche Amerikaner nicht leicht verstehen. In den USA sind Selbsthilfeorganisationen nicht ungewöhnlich und werden als wichtige und gute Methode bei vielen gesellschaftlichen Problemen akzeptiert. Eine bedeutende Eigenschaft der amerikanischen Kultur ist es, daß Amerikaner sich weniger auf den Staat, Fachleute und formelle Organisationen verlassen als die Einwohner älterer Kulturen wie z. B. Deutschland.
Die Deutschen - wie ich beobachten konnte und mir habe erzählen lassen - besitzen nicht nur großen Respekt vor Fachleuten und Autorität, sondern sie sind auch von ihnen sehr abhängig. In dieser Hinsicht glaubt man anscheinend, daß etwas nicht funktionieren kann, wenn es nicht von Fachleuten getan wird. Es ist per Definition nicht die Aufgabe der Laien, das zu unternehmen, was die Aufgabe ausgebildeter Fachleute ist. Diese Einstellung betrifft alle Tätigkeiten von der Autoreparatur bis zur Medizin. Die bloße Idee, daß unausgebildete Eltern sich miteinander hinsetzen könnten, um einander therapeutische Hilfe zu leisten, wie es bei den amerikanischen Parents Anonymous der Fall ist, ist für die Deutschen ein ganz fremdes Konzept. Weiterhin wurde mir gesagt, daß so etwas in Deutschland unmöglich funktionieren könne, zumindest am Anfang. Die Deutschen tendieren nicht nur dazu, der Selbsthilfe gegenüber skeptisch zu sein, sondern auch den Mißerfolg zu erwarten und diesen als Folge der fehlenden Fachkraft zu erklären. Die Deutschen brauchen Fachleute, wurde mir gesagt.
Vor kurzem plante das KSZ München, ein Anonyme-Eltern Programm einzuführen. Sie versuchten es, hatten aber wenig Erfolg. Sie verteilten Flugblätter in der Umgebung, um das Programm bekannt zu machen, aber es kamen nur wenige. Infolgedessen wurden diese Anonyme-Eltern-Gruppen zugunsten der von professionellen Mitarbeitern geleiteten Elterngruppen aufgegeben. Diese wurden erfolgreicher. Die Eltern fühlen sich wohler mit den Profis und berichten, daß sie sich in den Gruppendiskussionen besser aussprechen können als bei einer formelleren Beratung. Einige unter ihnen haben eine Vergleichsbasis, weil sie Erfahrungen mit üblicher Beratung gemacht haben. Die Gruppen treffen sich regelmäßig mit den ausgebildeten Beratern des Kinderschutzzentrums.
Obwohl diese Enttäuschung durchaus zu verstehen ist,
habe ich den Eindruck, daß die hauptamtlichen Mitarbeiter des Kinderschutzzentrums diese Erfahrung für weniger erfolgreich halten als das amerikanische Modell, welches sie nachahmen wollten. Das wäre ein weiterer Beweis für das deutsche Problem. Sie waren überrascht, als ich ihnen von den Schwierigkeiten erzählte, die wir bei der Gründung der Anonyme-ElternGruppen in den USA haben. (In unserer kleinen Stadt z. B. warteten wir acht Monate, bis der erste Hilfsbedürftige zu einem Anonyme-Eltern-Treffen kam! Das ist nicht außergewöhnlich.) Die Deutschen überschätzen oft den Erfolg der amerikanischen Programme und unterschätzen, wie schwer sie für Amerikaner zu entwickeln sind. Wenn Schwierigkeiten auftreten, verlieren die Deutschen ihr Selbstvertrauen und schieben die Schuld auf sich.
Ein Schwerpunkt des Kinderschutzzentrums, der es unter denen, die sich mit Kinderschutz befassen, zu einer Seltenheit macht, ist der Einsatz sogenannter Laien-Therapeuten als Familienhelfer. Diese Helfer sollen Familien, die Probleme haben, begleiten und ihnen als Vertraute, Berater und Helfer dienen. Das angeworbene Personal hat persönliche Erfahrung mit Familienkonflikten, und man nimmt an, daß es dadurch Familienprobleme besser versteht. Therapeutisch gesehen begreift dies Personal andere Laien besser als Fachleute dies tun, da eine gewisse Distanz und Entfremdung zwischen Fachmann und Laie existiert. Es war die Hoffnung, daß Laien-Therapeuten diese Distanz überwinden könnten und damit bessere Behandlung leisten (vgl. HoniglLeube 1979, S. 124ff.).
Jedoch akzeptieren Deutsche nur ungern Hilfe von Laien als Alternative zu der von Fachleuten, und es wäre zu erwarten, daß sie sich gegen die Laientherapie sträuben. Andererseits: wenn unbezahlte Laien einen gewissen Status bekämen, der sie von den Klienten unterschiede, dann - so wurde mir gesagt- wäre es zu vermuten, daß sie von den Klienten ernster genommen würden. Während Amerikaner einen geleisteten Dienst in einer wohltätigen Organisation einfach als freiwillig (voluntary) in dem Sinne betrachten, daß dieser ungezwungen und ohne Entgelt geleistet wird, unterscheiden die Deutschen zwischen voluntary in dem freiwilligen Sinne und voluntary in dem ehrenamtlichen Sinne, d. h. daß eine qualifizierte Person unbezahlt und aus moralischen Motiven eine Stellung einnimmt und Arbeit leistet. Die Laienmitarbeiter im Kinderschutzzentrum werden von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, und sie hoffen auf diese Weise, das Mißtrauen der Klienten den Laienhelfern gegenüber zu überwinden.
Andererseits macht der Begriff ehrenamtlich den Begründern des Zentrums philosophische Schwierigkeiten. Ehrenamtlich bedeutet ihrer Meinung nach wohltätig oder karitativ in dem traditionellen bürgerlichen Sinn. Der ehrenamtliche Mitarbeiter wolle zwar seinen Mitmenschen helfen, aber nur unter seinen eigenen Bedingungen. Dabei zwinge er die, denen die Hilfe gilt, sich seinem Lebensstil oder Wertsystem anzupassen, und gleichzeitig bedeute das möglicherweise einen fremden Lebensstil oder ein fremdes Wertsystem. Unter diesen Bedingungen diene die Hilfeleistung jedoch eher dem Helfenden selbst als demjenigen, dem geholfen werden soll. Dies ist das genaue Gegenteil des Ziels, welches das KSZ München verfolgt. Von vornherein war beabsichtigt, mit dieser Auffassung zu brechen, indem man Familien dazu anregte, für ihre Probleme eigene Lösungen zu finden. Das Zentrum versteht sich mehr als Änderungsanreger denn als Anderungserzwinger.
Ein anderes Problem der Deutschen ist das Verhältnis zwischen einer solchen Organisation und dem Staat; das ist auch eine Schwierigkeit für Amerikaner, aber für die Deutschen ist es besonders problematisch. Am Anfang eines Kontaktes sind die meisten Klienten den Kinderschutzarbeitern gegenüber mißtrauisch. Es ist den Eltern unverständlich, daß eine Organisation zwar abweichendes Verhalten untersucht, dies aber nicht im Namen des Staates tut: der Staat wird immer noch weit mehr gefürchtet als in Amerika. Die Mitarbeiter des Kinderschutzzentrums können dabei nichts anderes tun, als den Klienten zu versichern, daß sie selbst keine Verbindung zur Justiz haben. Ihre Glaubwürdigkeit müssen sie unter Beweis stellen. Manchmal dauert es lange, ehe das Vertrauen der Klienten gewonnen wird. Manchmal geschieht dies nie.
Die praktische Anwendung der Theorie der Laientherapie ist nicht ohne Probleme. Obwohl das KSZ München eine Gleichheitspolitik betreibt, d. h. keinen Statusunterschied zwischen hauptamtlichen Mitarbeitern und Laienhelfern macht, merken die Laienhelfer, daß ein solcher Unterschied existiert - eine Wahrnehmung, die zu Kommentaren unter den Helfern führt. Das Problem scheint auf zwei Gebieten zu liegen: erstens in dem Prozeß, wie Entscheidungen getroffen werden und zweitens in den Funktionen der Laienhelfer. Im allgemeinen werden alle Fragen der Politik und Planung von den Fachleuten entschieden. Dies sollte nicht überraschen, denn die bezahlten hauptamtlichen Mitarbeiter tragen die Verantwortung gegenüber dem Geldgeber und sorgen außerdem für die Kontinuität der Organisation. Obwohl die Theorie der Laientherapie als Stärke des Programmes gilt, ist da ein Widerspruch bemerkbar. Die Helfer, die unter diesem Konzept angeworben wurden, glauben, daß ihre Sicht der Dinge, wenn sie auch nicht die wichtigste im KSZ ist, so doch mindestens bei wichtigen Entscheidungen berücksichtigt werden sollte. Dies ist ihres Erachtens nicht der Fall - jedenfalls nicht zur Genüge.
Das zweite die Helfer betreffende Problem bezieht sich auf die Art ihrer Aufgabe: Was ist ihre Aufgabe? Laut der Theorie von Carl Rogers sind sie Laientherapeuten. Allerdings heißen sie Familienhelfer. Besonders wird ihnen Therapie oder Beratung untersagt. Aber, wie sie selbst laut fragen, was leisten sie denn, wenn nicht Beratung, und was ist ihre Anwesenheit, wenn nicht therapeutisch? Sie versuchen, Familien nicht direkt zu beraten, jedenfalls nicht in einer dominierenden Art und Weise. Statt dessen hören sie den Familien zu, ohne sie zu beurteilen (d. h. normalerweise), ermöglichen ihnen, sich auszusprechen und erreichen damit eine Lösung der Familienschwierigkeiten, welche von der Familie selbst ausgeht. Meiner Erfahrung nach sind die Helfer zum großen Teil sehr feinfühlige Menschen, die gezielte und einsichtsvolle Fragen stellen können, ganz in einer therapeutenähnlichen Weise. Könnte man dieses nicht Therapie nennen? Diese bohrende Frage liegt der Debatte zwischen hauptamtlichen Mitarbeitern und Helfern im Zentrum zugrunde.
Soweit ich beurteilen kann, steckt die grundlegende Frage im Begriff der Leitung: Wer bestimmt die Richtung des Programms, und wer bestimmt das Schicksal der Teilnehmer? Es ist durchaus verständlich, daß die Fachleute, die lange Jahre der Ausbildung gewidmet haben und die das Programm erhebliche Mühe gekostet hat, das größte Interesse an der Zukunft des Zentrums zeigen. Daß man die anderen, die weder eine solche lange Ausbildung hinter sich haben, noch diese Art persönlicher Beteiligung haben können, die Zukunft bestimmen ließe, wäre eine klare Verneinung dessen, was ursprünglich investiert wurde, d. h. der Absicht, des Willens, und des Schaffens derer, die ihre Kraft in den Aufbau des Zentrums investiert haben. Eine Tatsache, die meiner Meinung nach nicht genügend von den hauptamtlichen Mitarbeitern anerkannt und berücksichtigt wird ist die, daß auch die Familienhelfer sich dem Kinderschutzzentrum verpflichtet fühlen. Auch wenn sie nicht viele Jahre Ausbildung besitzen, haben sie doch zahlreiche wichtige Erfahrungen gesammelt und eine intensive, gefühlsmäßige Bindung an diese Arbeit entwikkelt. Es nützt dem Zentrum nicht, ihre Teilnahme am Entscheidungsprozeß zu beschränken, und es ist auch unfair, sie nicht ernst zu nehmen.
Ein Teil dieses Problemes liegt im Ursprung des Projekts selbst. Das Zentrum ist aus den Werten und Perspektiven der Universitätsreform und Gesellschaftskritik der siebziger Jahre entstanden. Als solches war das Projekt, wie viele Tätigkeiten dieser Zeit, nicht nur eine Reaktion auf Kindesmißhandlung, sondern auch - und insbesondere - eine Reaktion auf die Mittelschicht und ihre traditionellen Werte und Verhältnisse wie auf die entsprechenden und überall zu findenden bürokratischen Werte und Organisationen. Laut der Kritik - die übrigens in weiterentwickelter Form derjenigen entspricht, die Deutschland seit den frühen Jahren des Jahrhunderts beschäftigt hat - spiegeln diese Werte eine gewisse für selbstverständlich gehaltene Welt in den Augen der Eltern, Kinder und der Gesellschaft im allgemeinen wider. Eltern, die von ihrer vorgeschriebenen Rolle abweichen, werden im Lichte dieser Werte als böse bezeichnet und gleichzeitig wird erwartet, daß Eltern ihre Kinder- mit Gewalt wenn nötig - beherrschen, weiterhin, daß Kinder sich dieser Herrschaft unterwerfen. Wenn etwas in der Familie schief geht, könne laut dieser Logik die Sache nur durch amtliche Behörden, die Vertreter der legitimen Ordnung, gehandhabt werden.
Im modernen Deutschland ist die Kritik daran überall zu finden. Während die Gesellschaftskritik, die in Amerika in den sechziger und siebziger Jahren herrschte, nur kurz andauerte und mit dem Ende des Vietnam-Krieges zurückging, lebte die deutsche Gesellschaftskritik noch mehr auf und nahm sogar zu, als die Studenten in den sechziger und siebziger Jahren in die Berufswelt eintraten. Diese Kritik richtet sich oft gegen traditionelle Fachleute, welche als Handlanger der tyrannischen und niederdrükkenden Vergangenheit gelten. Deshalb sind diejenigen, die diese Gesellschaftskritik akzeptieren geneigt, die traditionellen Fachleute als Vertreter des Establishments und daher als suspekt zu betrachten. Aus diesem Grund hat ein gewisser anti-professioneller Professionalismus die Philosophie der gesellschaftskritischen Programme von Anfang an charakterisiert, was ein Widerspruch in sich selbst ist.
Es gilt als Hauptprinzip des Kinderschutzzentrums, daß Eltern das Elend und die Schwierigkeiten der modernen Gesellschaft erleben und deshalb nicht unbedingt als böse betrachtet werden sollten, wenn sie ihre Kinder verletzen. Helfen, nicht strafen ist eine Parole, die man oft unter den Kinderschutzarbeitern hört. Obwohl nicht neu, ist diese Haltung hinsichtlich der Kindesmißhandlung revolutionär. Und dazu kommt noch, daß Hilfe nicht nur von außerhalb, ja sogar im Widerspruch zu dem System, sondern auch von Laien geleistet wird: dies ist eine radikal andere Auffassung von Kinderschutz. Die Bereitschaft, die Autorität des Gesetzes herbeizuziehen, um Eltern zur Behandlung zu zwingen, wurde mir als Perversion beschrieben.
Aber die Träume der Revolutionäre zu verwirklichen, bleibt nicht ohne Schwierigkeiten. Dies macht manche inneren Spannungen im KSZ München verständlich. Einfach gesagt, Probleme verlangen Lösungen. Dabei mußte sich die alte Garde für Lösungen entscheiden, die oft anscheinend Werten und einer Ordnung entsprachen, welche sie ablehnten. Es ist zum Beispiel die harte Wirklichkeit, daß guter Wille, Gespräch, Liebe und Hilfe nicht alle Probleme lösen, und daß man des Kindes wegen in manchen Fällen doch die amtlichen Behörden heranzieht, ehe es verletzt wird. Es ist in diesem Sinne, daß es der alten Garde manchmal schwer fällt, zur Uberzeugung zu kommen, daß das Wohl des Kindes von größerer Bedeutung ist, als dem Establishment zu zeigen, was diesem eben gezeigt werden sollte.
Zusätzlich wird die alte Garde von neuen Mitarbeitern ersetzt, die vielleicht die gleiche Ideologie wie ihre Vorgänger haben, aber die Geschichte des Kampfes, der Erfolge, Enttäuschungen und Frustrationen nicht miterlebten. Die neuen Kollegen bringen auch andere Einsichten und Erfahrungen mit, so daß sich das Programm zwangsläufig in eine etwas andere Richtung entwikkelt. So ist es verständlich, wenn auch beunruhigend, wenn man sieht, wie Entscheidungen auf Grund von Alt gegen Neu, von Fachleuten gegen Laien getroffen werden. Dabei stehen die Alten der Richtung der Neuen etwas mißtrauisch gegenüber, weil sie fürchten, daß das Programm zu bürokratisch werden, und daß das Gegenteil von dem, was sie sich vorgestellt haben, geschehen könnte. Andererseits ärgern sich die Neuen gegen die ihnen von den Alten aufgedrängten Beschränkungen, die der Realität nicht entsprechen, wie sie sie kennen. Diese Streßsituationen sind allerdings nicht auf das KSZ München beschränkt. Sie sind Eigenschaften aller sich entwickelnden Organisationen, und diejenigen, die mit ähnlichen Programmen zu tun haben, sollten das im Gedächtnis behalten.
Ich will nicht den Eindruck erwecken, daß das Münchner Zentrum ein Schlachtfeld sei - es ist alles andere als das. Es handelt sich hier aber um eine gewisse Inanspruchnahme durch innere Probleme, welche den Sachverhalt widerspiegeln. Diese Inanspruchnahme überwiegt fast die an erster Stelle stehende Aufgabe des Kinderschutzes und deutet auf eine Situation, die überwunden werden muß, ehe das Programm vollkommen erfolgreich sein kann.
Eine Tatsache erweckt die Hoffnung, daß das Zentrum demnächst fähig sein wird, seine Probleme zu lösen: sein interner Kommunikationsmechanismus, Feedback und Selbstkritik. Diese funktionieren auf verschiedene Weisen:
1. Einmal in der Woche treffen alle Familienhelfer in einer von vier Gruppen mit einem hauptamtlichen Mitarbeiter (einer hauptamtlichen Mitarbeiterin) zusammen, der (die) deren Tätigkeiten supervidiert. Der Zweck solcher Treffen ist es zu ermöglichen, daß die Teilnehmer die Fälle, für die sie verantwortlich sind, Probleme, die für sie persönlich daraus entstehen, Schwierigkeiten, die sie mit der Verwaltung des Kinderschutzzentrums haben usw., besprechen. Die Beziehungen sind informell und manchmal intensiv. Alle Teilnehmer duzen sich, Alter und Status ungeachtet. Ohne Vorbehalt scheint man Familienhelfer und hauptamtliche Mitarbeiter kritisieren zu dürfen. Bemerkungen und Kritik können sehr bissig sein, obwohl man Zartgefühl und Anteilnahme zeigt und bemüht ist, angerichteten Schaden wiedergutzumachen, ehe man auseinandergeht. Auf diese Weise werden empfindliche Fragen der Vertraulichkeit, der wechselnden Führung, der persönlichen Angriffe von Teilnehmern auf die Gruppe, des persönlichen Verhaltens gegenüber Familien und Öffentlichkeit offen und freimütig besprochen.
2. Eine Supervision ist eine Fallanalyse, deren Zweck es ist, dem betreffenden Mitarbeiter zu ermöglichen, seine persönlichen Schwierigkeiten zu untersuchen, die er bei einem Fall erlebt. Eine Supervision wird von einem Menschen für den anderen ausgeführt - oft von einem Vorgesetzten für einen Untergeordneten - aber es kann auch unter Gleichgestellten geschehen. In letzterem Falle unterstellt sich während der Supervision derjenige, der um Feedback gebeten hat, freiwillig der Einsicht, der Kritik und dem Feedback des anderen. Eine Supervision hat anscheinend eine therapeutische Wirkung auf den, der so supervidiert wird. Dies wird vielleicht erwartet und könnte deshalb sogar der Grund für diese Ausübung sein. Es ist nicht ungewöhnlich, daß man Ich brauche eine Supervision hört, und ein anderer wird gebeten, eine Supervision zu arrangieren.
Eine Supervision ist mehr als eine bloße Fallanalyse und mehr als nur eine Gelegenheit zu meckern. Es ist eher wie ein mündliches Tagebuch, d. h. daß derjenige der supervidiert wird, sich hierdurch in die Lage versetzen kann, seine tiefsten Frustrationen wegen eines Falles, oder auch wegen anderer Aspekte des Arbeitsverhältnisses auszudrücken. Obwohl das Thema namentlich die Arbeit ist, dürfen persönliche Angelegenheiten eingeführt werden, insbesondere dann, wenn diese die Arbeitsleistung beeinflussen. Solch tiefe, oft introspektive Analyse kann dem Menschen einen neuen Ausblick auf die vorliegende Arbeit verschaffen. Die Methodik ist dialogisch; Rollenspiel und psychodramaartige Ausdrucksformen werden dabei oft angewandt.
3. Sitzungen des Teams bieten natürlich auch eine besondere Gelegenheit für Verständigung und Aussprache. Diese Sitzungen sind allerdings nicht ungewöhnlich bei solchen Organisationen. Der wichtige Aspekt daran ist die Art und das Ausmaß der Verständigung zwischen den Mitarbeitern. Die Haltung der Mitarbeiter zueinander ist zeitweise bissig, aber man ist bemüht, keinen fortgehen zu lassen, bevor offene Wunden geheilt sind. Ich mußte die Bereitschaft bewundern, so offen miteinander zu reden und kann nur wünschen, daß eine solche Atmosphäre auch bei uns unter den Kollegen herrschte.
Die Trennung der Familienhelfer von den hauptamtlichen Mitarbeitern ist gelegentlich ein Problem
bei den Mitarbeitersitzungen. Die Interessen der beiden Gruppen werden und sollen zweifellos
nicht immer übereinstimmen und manchmal getrennt bleiben. Dennoch werden Fragen, die mit der
Tätigkeit und dem Wohl der ehrenamtlichen Mitarbeiter zu tun haben, in ihrer Abwesenheit
besprochen. Lösungen solcher Probleme müssen leiden, wenn die Betroffenen bei wichtigen
Entscheidungen abwesend sind. Die anderen schon ervvähnten Besprechungen sind kein Ersatz
für die Mitwirkung auf dieser Stufe. Im Jahresbericht 1982 steht folgendes über die
Weiterentwicklung der Auseinandersetzung zwischen Familienhelfern und Hauptamtlichen: Da die
Konflikte sich immer mehr zuspitzten und offensichtlich innerhalb der einzelnen Gruppen und
innerhalb der Plena Familienhelfer/Team nicht zu klären waren, fand mit Hilfe des Deutschen
Jugendinstituts im Mai 1982 eine Wochenendtagung zur gemeinsamen Bearbeitung dieser
Probleme statt. Diese Tagung erbrachte nur teilweise eine Klärung: es wurden Vereinbarungen
getroffen über die Verantwortlichkeiten und die Vorgehensweisen bei der Kooperation
Familienhelfer/hauptamtliche Mitarbeiter. Die gruppendynamisch bedingten Prozesse konnten
trotz großer Anstrengung nicht für alle Beteiligten geklärt werden. Ein Teil der Familienhelfer
trennte sich vom Kinderschutzzentrum. Die organisatorische Verwirklichung der Vereinbarung
steht zum großen Teil noch aus, da die verbleibenden und die neuen Familienhelfer zunächst ihr
Selbstverständnis als Familienhelfer des Deutschen Kinderschutzbundes innerhalb der
regelmäßigen Gruppen klären wollten, um bei Bedarf auf die vereinbarten Angebote (z. B.
gemeinsame Fallkonferenzen zur Verteilung von Fällen an Familienhelfer, regelmäßige
gemeinsame Konzeptüberprüfung und Konzeptentwicklung) des hauptamtlichen Teams
zurückzukommen (S. 54).
Schlußbemerkungen
Zusammenfassend möchte ich betonen, daß das KSZ München ein bemerkenswertes Experiment ist, das seine Lebensfähigkeit bewiesen hat und sich nicht nur als Musterbeispiel für die Kinderschutzarbeit, sondern auch als unerläßlicher Teil des wachsenden Netzwerks der Kinderschutzstellen in Deutschland erwiesen hat. Es hat Wachstumsschmerzen erlebt und wird sie noch lange erleben. Alle, die ebenfalls solche Programme entwickeln wollen, werden die gleichen Schwierigkeiten durchmachen, wenn sie nicht auf die Erfahrungen des Kinderschutzzentrums in München achten. Obwohl diese Gruppe viel von den amerikanischen Erfahrungen mit freiwilligen Laienhelfern und Selbsthilfegruppen übernommen hat, ist doch kein amerikanisches Programm entstanden. Man hat ein Programm entwickelt, das wahrhaftig deutschen Bedürfnissen entspricht; eines, von dem Amerikaner viel zu lernen haben. Die Idee des von den amtlichen Behörden völlig getrennten Programms ist dem amerikanischen Denken fremd. Dieses deutsche Modell sollte weiter beachtet werden.
Zum Abschluß möchte ich denen, die meinen Besuch beim Münchner Kinderschutzzentrum
finanziell gefördert haben und meinen Freunden und Gastgebern beim Kinderschutzzentrum
München danken. Ich werde die Wärme und Aufgeschlossenheit, mit der sie mich, einen Fremden,
empfingen und die Art, mit der sie mich als einen der ihren behandelten, nie vergessen. Ich danke
ihnen herzlich.
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