Sternschnuppe 3-90

Forum Kindheit und Gesellschaft

Herausgeben vom Kinderschutzzentrum

Mainz

Certainty

is a kind

of prison;

when you're absolutely

certain, you're

absolutely blind

and can't move

in any direction,

forward, backward,

sideways, anyway.

James Burke

**********

Das

Heisenberg-

Prinzip und der

Umgang mit

Kindes-

mißhandllung

Charles L. McGehee

Im Jahre 1925 erschütterte Werner Heisenberg die Welt der

Physik mit seiner Beobachtung, daß das Ziel der Physik, die

Welt genau zu beschreiben, möglicherweise

unerreichbarsein würde. Je genauer unsere Messungen

sind, so argumentierte er, desto ungewisser wird uns die

Welt, da derAkt der Messung selbst in die Welt eingreift und

sich untrennbar mit dem beobachteten Phänomen

verbindet. Der Akt der Beobachtung stört das beobachtete

Objekt in einer so unvorhersagbaren und unkontrollierbaren

Weise, daß wir möglicherweise dazu verurteilt sind, für

immer im Ungewissen über die Erscheinung der

Wirklichkeit zu bleiben.

Nach meiner Ansicht begegnet uns das

Heisenberg-Prinzip auch im Studium von

Kindesmißhandlung,-vernachlässigung und

sexueller Ausbeutung von Kindern. Seit

Henry Kempe im Jahr 1962 das "battered

child syndrome" beschrieben hat, haben wir

unsere Konzepte über die Beziehung

zwischen Erwachsenen und Kindern immer

mehr verfeinert. Wir begannen

Kindesmißhandlung zu erkennen, so wie

man Mitternacht von Mittag unterscheidet. In

den Folgejahren jedoch wurden wir

zunehmend mit der Notwendigkeit

konfrontiert, den vagen Punkt, an dem der

Tag zur Nacht wird, auch zu bestimmen.

Ich behaupte nun, daß die Verfeinerung

unserer Definitionen, bzw. die Verfeinerung

der Forschung im Bereich

Kindesmißhandlung, unser Verständnis von

der Beziehung zwischen Erwachsenen und

Kindern nicht fördern wird. Möglicherweise

wird Kindesmißhandlung statistisch

verschwinden, jedoch nicht, weil die

Erwachsenen-KindBeziehung besser

verstanden wurde, sondern weil die

Erwachsenen-Kind-Beziehung durch die

"haargenaue" Beobachtung aus dem

Blickfeld geraten wird. Ebenso wie in der

Physik, gilt auch im sozialen Bereich: je

mehr wir wissen, desto höher ist das Risiko,

daß wir über das beobachtete Phänomen im

Unoewissen bleiben.

Wie ist das möglich? Dem

HeisenbergPrinzip entsprechend biete

ich folgende Analyse an:

Bedingt durch die Industrialisierung und den

damit einhergehenden sozialen Wandel

während der letzten zwei- bis dreihundert

Jahre hat sich die Definitionsmacht über gut

und böse, richtig und falsch, angemessen

und unangemessen allmählich von der

traditionellen Autorität der Gemeinschaften

auf die komplexe Rechtsautorität großer

urbaner Gebiete verschoben. Die Verwaltung

solcher Definitionen ist von den

traditionellen Trägern, wie Häuptlingen,

Patriarchen, und Dorfräten, usw. auf

Rechtsmechanismen, wie gesetzgebende Körperschaften,

Gerichte und Verwaltungen, übergegangen.

Die meisten Tätigkeiten - auch

Kindererziehung - sind früher oder später in

unterschiedlicher Weise unter die

Schutzherrschaft einer Form von juristischer

Person gekommen. Währenddessen haben

Spezialisten angefangen, die Welt zu

definieren und zu regulieren.

Wer die industrielle Gesellschaft begreifen

will, muß sich mit dem Wesen der

Spezialisierung beschäftigen.

Spezialisierung ist die logische Konsequenz

einer hochentwickelten Arbeitsteilung. Die

Aufgaben sind so kompliziert und das

Wissen so breit gefächert, daß selbst den

Erfordernissen des täglichen Lebens

niemand mehr allein ausreichend

entsprechen kann. Spezialisierung ist auch

effizienter. Wenn Aufgaben in Spezialgebiete

aufgeteilt sind, die miteinander auf ein

gemeinsames Ziel hin kooperieren, kann

mehr bewältigt werden, als wenn

Einzelpersonen für alle Aspekte der Arbeit

verantwortlich sind.

Die Entwicklung des Spezialisten im

Kinderschutzbereich hat sich mit ebenso

großer Sicherheit vollzogen, wie auf jedem

anderen Gebiet. Wenn Probleme den Schutz

von Kindern betreffend auf dem Versagen

von traditionellen

Erwachsenen-Kind-Beziehungen beruhen

(bedingt durch den sozialen Wandel), ist es

eine Aufgabe dieser Spezialisten, die Last

der Definition von

Erwachsenen/Kind-Beziehungen zu

übernehmen. Dabei müssen bisher

geltende Definitionen durch neue ersetzt

werden. Nach der Terminologie der

Wissenssoziologie konstruieren die

Spezialisten aktiv soziale Wirklichkeit. In

diesem Prozeß werden herkömmliche

Definitionen von

Erwachsenen-Kind-Beziehungen immer

weniger relevant, wogegen die Definitionen

der Spezialisten an Bedeutung gewinnen.

In einer komplexen, industriellen

Rechtsordnung gehen die Konsequenzen

dieser Definitionen weit über die Grenzen

des Formalen hinaus. Weil viele

Spezialisten mit der

Erwachsenen-Kind-Beziehung beschäftigt

sind (PädagogInnen, PsychologInnen,

LehrerIinnen, ÄrztInnen, SoziologInnen, etc.)

ist es möglich, daß "Zielpersonen" von

mehreren Seiten gleichzeitig auf direkte und

legale Weise betroffen sein können. Oft

reicht schon die Furcht vor einer

stigmatisierenden Öffentlichkeit oder

Gerichtsprozessen aus, um gewöhnlichen

Bürgern zu verdeutlichen, daß die Definition

der Situation und nachfolgende negative

Konsequenzen ohne Widerruf in der Hand

von anderen liegen.

Wenn Macht eine Funktion des Ausmaßes

ist, in dem Furcht eingeflößt werden kann,

dann sind Spezialisten in einer Position,

Macht auszuüben. Die Macht der

Spezialisten konzentriert sich vermutlich

nicht nur auf ihre "Zielpopulationen",

sondern bezieht sich auch auf andere

Spezialisten in dem gleichen oder

verwandten Gebiet. Auch wenn die Tendenz

besteht, Machtaspekte Einzelpersonen

zuzuschreiben, sind die Dynamiken der

Spezialisierung nicht eine Sache von

Persönlichkeiten oder persönlichen Motiven

per se, sondern von

Organisationsdynamiken.

Nur, die Wirkung der Macht beruht auch auf

der ihr zugeschriebenen Qualität und ist

abhängig von den Wahrnehmungen der

teilnehmenden oder betroffenen Personen.

Wahrnehmungen müssen nicht auf

Tatsachen beruhen, um Verhaltensweisen

nach sich zu ziehen. Menschen, die aufgrund

ihrer Wahrnehmungen ungerechtfertigte

Machtausübungen befürchten, können sich

sehr verletzbar fühlen.

Ein Gefühl der Verletzlichkeit und Furcht

stellt sich ein: Erstens, wenn die

Umstände, die ungerechtfertigte

Machtausübungen nach sich ziehen

könnten, außerhalb der Kontrolle der

bedrohten Person liegen, wie z.B. Rasse

oder Geschlecht. Zweitens, wenn die

Konsequenzen schwerwiegend wären, wie

z.B. der Verlust von Freiheit, Arbeit, Geld,

Ruf, etc.. Außerdem kann das Gefühl der

Verwundbarkeit besonders verstärkt

werden, wenn der angeblichen Handlung

das Stigma anhaftet, eines der

schlimmsten kulturellen Tabus verletzt zu

haben.

Angesichts solcher Bedingungen kann mit

Recht erwartet werden, daß jemand, der

potentiell ungerechtfertigter Machtausübung

ausgesetzt sein könnte, Schritte unternimmt,

um auch nur den leisesten Anschein von

Unrechtmäßigkeit zu vermeiden. Das kann

bedeuten, alle potenziell verdächtigen

Beziehungen und Handlungen zu

unterlassen.

Die Möglichkeit, daß eine

ErwachsenenKind-Beziehung Gegenstand

einerAnschuldigung sein kann, hat

Implikationen für diese Beziehung. Wenn

Erwachsene sich potentiell von der

Anschuldigung der Kindesmißhandlung

bedroht fühlen, gehen sie mit Kindern

wahrscheinlich anders um, als wenn sie

dieser Furcht nicht ausgesetzt sind. Sie

werden vielleicht nicht mit Kindern allein

sein wollen, sie nicht anfassen, sie

nicht umarmen, ihnen nicht helfen. In der_~ Tat werden sie nichts

tun, was sie in irgendeiner Weise dem Risiko einer

Anschuidigung aussetzen könnte.

Die professionellen KinderschützerInnen

fingen an, sich zu wehren, sowohl um ihre

Position zu verteidigen, als auch, um sich

selbst vor falschen Anschuldigungen zu

schützen. Einige stritten ab, daß es

überhaupt eine diesbezügliche Frage gab.

Sie beriefen sich auf die statistisch

gesehen kleine Zahl falscher

Anschuldigungen. Sie bemerkten auch -

natürlich korrekterweise - daß "nicht

bestätigbare Anschuldigungen" nicht

notwendigerweise "falsche

Anschuldigungen" bedeuten. Andere

stellten die Glaubwürdigkeit der

selbstproklamierten Opfer falscher

Anschuidigungen in Frage, insbesondere

der Mitglieder von VOCAL.

Einige Professionelle jedoch begannen die

Möglichkeit zu akzeptieren, daß einige

Anschuldigungen falsch sein könnten,

insbesondere bei bitteren Scheidungsfällen.

In der Folge wurden Expertenaussagen ais

unzuverlässiger Beweis für die Feststellung

von Mißhandlung kritisiert. Neue Forschung

wurde veranlaßt, deren Ergebnis u.a. war,

daß anal/genitale Befunde, die Ärzte seit

langem als Nachweis von sexueller

Mißhandlung akzeptiert hatten, in Wirklichkeit

weit verbreitet in der gesamten Bevölkerung

waren. Nun wurden Ärzte davor gewarnt,

nicht nur aufgrund von physischen Befunden

auf sexuelle Mißhandlung rückzuschließen.

Die Aufmerksamkeit der Medien wuchs mit

der Zunahme der Meldungen von Fällen

sexueller Mißhandlung und

verschwundener Kinder. Mit der

Medienaufmerksamkeit kamen auch

Vorschläge, wie mit dem Problem

umzugehen sei. Unterrichtsprogramme für

Kinder verbreiteten sich wie ein Lauffeuer

über das ganze Land als ein Mittel, Kinder

zu "ermächtigen", sich selbst zu schützen.

Sie sollten lernen "gute Berührungen" von

"schlechten Berührungen" zu

unterscheiden, um dann "schlechte

Berührungen" abzuwehren, indem sie

"nein" sagen, oder jemandem davon

erzählen.

Fremde im allgemeinen und Männer im

besonderen wurden das Ziel besonderer

Aufmerksamkeit. Programme, die Kindern

helfen sollten, gefährliche Personen zu

identifizieren, vermittelten die Botschaft, daß

die meisten Leute Fremde und viele von

ihnen auch nett seien. Aber man könne es

ihnen eben nicht ansehen, ob sie nett sind

oder nicht. Die Populärpresse schuf noch

mehr Mißtrauen, indem sie die Öffentlichkeit

darüber informierte, daß der Mißhandler in

der Regel ein Mann sei, den das Kind und

die Familie gut kenne.

Ob all dies das Vorkommen von

Mißhandlungen oder Entführungen

reduzierte, ist fraglich, aber die Wirkung auf

andere zeigte sich schnell. Mütter behielten

ihre Kinder zu Hause und ließen sie nicht

mit Fremden reden. Männer fühlten sich

sofort aufgrund ihres Mannseins verdächtigt,

insbesondere dann, wenn sie sich beruflich

mit Kindern beschäftigten. Man vertrat die

Ansicht, daß die Tage, in denen Männer

erzieherisch/ pflegende Rollen übernahmen,

vorüber seien. Das Risiko einer

Anschuldigung war zu hoch. Andererseits

wurde jeder Mann, der mit jüngeren Kindern

arbeiten wollte, als ein potentieller

Pädophiler behandelt. Es wurde beobachtet,

daß eine Welle der Furcht nicht nur

ErzieherInnen von Eltern trennte, sondern

auch das lebenswichtige Bündnis zwischen

ErzieherInnen - sowohl den weiblichen als

auch den männlichen und den Kindern

zerstörte.

Kindergarten- und

Kindertagesstättenverwaltungen hatten

zunehmend Bedenken, Männer

einzustellen, selbst dann, wenn sie einem

Mann vertrauten. In manchen Schulen

wurde sogar eine "Anstandsdame" für den

Sportlehrer der Mädchen eingestellt.

All dies geschah auf einem Hintergrund

zunehmender Sensibilisierung in Fragen

wie Gewalt in der Ehe, Vergewaltigung und

sexueller Belästigung. Es ist keine Kritik an

der Frauenbewegung, daß die hier

erhobenen Fragen, insbesondere in dem

Maß, in dem sie sexuelle Ausbeutung

betreffen, nicht von dem politischen Klima

getrennt werden können, das durch diese

Bewegung begünstigt wurde.

Obgleich sich auch Frauen von einer

falschen Anschuldigung potentiell betroffen

fühlen, erleben vor allem Männer die

Bedrohung einer falschen Anschuldigung

als besonders groß.

Eine Wirkung hiervon ist die Atmosphäre,

die der aus den Tagen der

McCarthy-Anhörungen der 50er Jahre nicht

ganz unähnlich ist. Ein Kommentator

erlaubte sich, die "Kinderschützer" als

Leute zu beschreiben, die den paranoiden

Geisteszustand der Kommunisten- und

Satanjäger teilen.

Soweit, sogut. Zurück zu unserer

Ausgangsbehauptung.

Der Versuch, die Definition von

Kindesmißhandlung immer weiter zu verfeinern,

wird auf die Dauer gesehen weitere Unsicherheit

zur Folge haben. Mit der Absicht, diese

Sichtweise zu untermauern und den Prozeß

verständlicher zu machen, möchte ich folgende

Hypothesen zur Diskussion stellen:

Je verfeinerter die Definition über

Kindesmißhandlung ist:

Desto weniger werden Spezialisten fähig sein,

wahre Mißhandlung von Nicht-Mißhandlung oder

falscher Anschuldigung zu unterscheiden.

Weiter wird die Furcht vor der Unfähigkeit der

Spezialisten "wahre" Mißhandlung von

Nicht-Mißhandlung oder falscher Anschuldigung

zu unterscheiden, zusammen mit der ihnen

zugeschriebenen Definitionsmacht folgende

Auswirkung haben;

Eine Abnahme der "guten Berührungen"

zugunsten von gar keiner Berührung;

Eine Abnahme von Menschen - insbesondere

Männern - in erzieherischen/pflegenden Berufen;

Eine Abnahme von Akten der Freundschaft

oder Freundlichkeit gegenüber Kindern durch

Unbekannte.

Ausgehend von diesem Ergebnis läßt sich weiter

spekulieren, daß es folgende Auswirkungen auf

das Wohlergehen von Kindern hat. Je größer die

Furcht vor einer falschen Anschlidigung:

Desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß

Kinder, die in ernster Gefahr sind, nicht

ausreichend beschützt werden;

Desto unpersönlicher und zurückhaltender wird

die Interaktion Erwachsener mit Kindern werden;

Desto eher werden Kinder mit einem

Mangel an nahen, unterstützenden und

freundlichen Kontakten mit Erwachsenen

aufwachsen.

Eine Bestätigung dieser Annahmen ließe die

Schlußfolgerung zu, daß unsere Bemühungen

kein klareres Bild über Kindesmißhandlung

erzeugt haben, sondern vielmehr die Reflektion

eines Bildes, das durch die Untersuchung selbst

verzerrt ist.

Im Bereich des Sozialen, als auch im Bereich der

Physik, ist dies möglicherweise unvermeidbar.

Deshalb sollten wir anfangen, dieses Phänomen

zu diskutieren, es zu studieren und uns

bemühen, damit umzugehen.

Charles L. McGehee

Professor der Soziologie an der Central

Washington University und Präsident des Child

Advocacy Council of Kittitas County, Washington.

Anfang des Jahres schickte er uns den Entwurf

dieses Sternschnuppe-Beitrags und provozierte

damit lebhafte Diskussionen im Team des Mainzer

Kinderschutzzentrums Wir möchten hiermit den

Kreis der Diskussionsteilnehmerinnen erweitern

und würden uns freuen, Ihre Meinung und

fachliche Einschätzung zu erfahren.

überreicht durch:

Unterstützung: Bundesarbeitsgemeinschaft der

Kinderschutzzentren

Ubersetzung: Nina Ruse

Redaktion: Monika Weber-Hornig

Formgebung: Grafisches Atelier saierl,

Wiesbaden

Satz: Die Feder, Wetziar

1. Auflage Sepember 1990

Sternschnuppe wird

herausgegeben vom

Kinderschutzzentrum Mainz

Lessingstrase 25 6500 Mainz 1

Telefon: 0 61 31 - 61 37 37

Mitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren

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